Fragment der Dissertation vom April 2001

Kapitel 1: Einleitung / Vorbemerkung
1.1)                
Gegenstand der Arbeit
1.2)                
Untersuchungszeitraum
1.3)                
Stand der Forschung
1.4)                
Zur Problematik von Online-Quellen

Kapitel 2: Darstellung der verschiedenen rechtsextremistischen                         Strömungen
2.1)                
Definition Rechtsextremismus
2.2)                
Die neue Rechte in der Bundesrepublik
2.2.1)             
Einordnung der Neuen Rechten in die politische                         Landschaft
2.2.2)             
Die neurechten Inhalte
2.2.3)             
Strategie der Neuen Rechten im vorpolitischen Raum
2.2.4)             
Vertreter der Neuen Rechten
2.2.5)             
Intellektualisierung der Neuen Rechten
2.3)                
Populismus / Rechtspopulismus
2.4)                
Die europäische Vision der extremen Rechte
2.5)                
Zusammenfassung

 

Kapitel 3: Kampagnethemen

Kapitel 4: Geschichte des Internet

Kapitel 5: Analyse ausgewählter deutscher und österreichischer                         Präsenzen

Kapitel 6: Unterschiedliches Verhalten deutscher und                                     österreichischer Nutzer

Kapitel 7: Verschlüsselungsthematik

Kapitel 8: Juristische Probleme bei der Strafverfolgung

Kapitel 9: Bewertung und Ausblick

Anhang 1: Onlineliteratur

Anhang 2: Zeitschriften und Printliteratur

Fußnoten: [hier]

URL dieser Seite: http://www.heiko-schomberg.de/promotionsweb/ /doktorarbeit_stand_12042001.html

 

1)      Einleitung / Vorbemerkung [top]

Die „Datenautobahn“, die „Informationsgesellschaft“, der „Cyberspace“, das „Netz der Netze“, "Ich bin drin": Diese Schlagworte sind heute in aller Munde, wenn in den Medien vom Internet gesprochen wird. Und dies strahlt auch auf die Fragestellungen der modernen Geisteswissenschaften aus. So beruhte bisher

"(...) die politikwissenschaftliche oder zeitgeschichtliche Forschung zum Thema Rechtsextremismus weitgehend auf der Auswertung und Analyse rechtsextremer Publikationen aller Art, wie Periodika, Bücher, Broschüren oder auch Flugblätter. Diese gedruckte Propaganda könnte jedoch anbetracht der rasch fortschreitenden Nutzung des Internet bald der Vergangenheit angehören. Insbesondere "revisionistische", neonazistische und rassistische Gruppen bedienen sich bereits jetzt in zunehmendem Maße elektronischer Medien, während dem traditionellen Rechtsextremismus zuzurechnende Gruppen diesem Kommunikationsmittel noch eher distanziert gegenüberstehen. Selbstverständlich liegt hier auch eine Wechselwirkung zwischen angebotenen Inhalten und potentiellen Rezipienten vor. Militant neonazistische Gruppen richten sich häufiger gezielt an ein jüngeres Publikum, von dem sie annehmen können, daß dieses auch zu regelmäßigen Nutzern des Internet zählt."[1]

Das Internet als eine sich selbst organisierende Struktur ohne zentrale Lenkung setzt hier für die Rechtsextremismus-Forschung völlig neue Rahmenbedingungen und schafft für die in diesem Bereich tätigen Wissenschaftler - so Brigitte Bailer - eine bisher nicht gekannte Recherchesituation. Zwar stellen rechtsextremistische Inhalte im World Wide Web (WWW) - analog zum Bereich der Printmedien und anderer Druckwerke - nur einen sehr kleinen Teil im Vergleich zum Gesamtangebot dar. Gleichzeitig weist jedoch rechtsextreme Propaganda über Internet eine völlig neue Qualität auf.[2]

Das Netz ist allgegenwärtig und durchdringt den Alltag. Und neben der enormen Werbemaschinerie, die die kommerziellen Anbieter ins Rollen gebracht haben ("Ich bin drin"), nähert man sich mit Riesenschritten dem Massenmedium Internet. Durch die Fusion des Internet-Anbieters AOL und des US-Konzerns Time Warner schließt man sich nach eigenen Angaben zum größten Medienunternehmen der Welt zusammen. Damit kommt man dem anvisierten Quantensprung nahe, ein Massenmedium zu schaffen, daß Fernsehen und WWW kombiniert.

"Dies ist ein historischer Moment für den Bereich neue Medien" [Hervorhebung, HS], sagte AOL-Chef Steve Case, [3] der auch das fusionierte Unternehmen mit dem Namen AOL Time Warner Inc führen soll. "Durch den Zusammenschluss ergebe sich für AOL die einmalige Möglichkeit, seine Vision in die Wirklichkeit umzusetzen, dass das Internet für die Menschen so wichtig und selbstverständlich werde wie bislang schon das Telefon und das Fernsehen." [4]

Doch man kann den "natürlichen" Zugang auch kritisch sehen, so wie Axel Schwickert es formulierte: "Heutzutage darf jeder Idiot für ein Taschengeld ins Internet, während man vor Jahren wenigstens einen Studienplatz dafür brauchte."[5]

In diesem sich stetig wandelnden zwischen Möglichkeiten (Vorteilen) und Nachteilen, Neben Meinungsmache und Meinungspolarisierung, zwischen basisdemokratischer ???? werden ausgewählte Internet-Auftritte deutscher und österreichischer Gruppen, die ein Spektrum von national-konservativ (mit personellen Querverbindungen ins neurechte und rechtsextremistische Lager) über das neurechte Brückenspektrum, bis hin zu neonazistischen und revisionistischen Gruppen abdecken, untersucht. à Triage und Selektion aus mehr als 1000 Auftritten nach verschiedenen Extremismusgraden und der Versuch, alle Strömungen per Beispiel zu berücksichtigen.

Darüber hinaus werden - so vorhanden - die zur Verfügung gestellten Diskussionsforen und Remailingsysteme analysiert.

 

Anmerkung: Kann nicht über 330 deutsche und knapp 100 österreichische Präsenzen unteruschen, deshalb wurde Auswahl getroffen. Dies wird in den jeweiligen Unterkapiteln kurz begründet. Wer sich einen Überblick verschaffen will, kann dies insbesondere unter http://www.burks.de/nazis.html#C tun.

 

1.1)     Gegenstand der Arbeit [top]

 

Kein Medium der Neuzeit beherrscht so die politische Debatte um die Informationsgesellschaft und den Aufbruch in das 21. Jahrhundert wie das Internet. Dabei ist die Freiheitsdebatte immer mehr einer Freiheitmißbrauchsdebatte gewichen.

Die weltweiten Kommunikationsmöglichkeiten des Internets werden seit Anfang 1996 verstärkt von Extremisten in Deutschland und Österreich genutzt. Im Schatten des allgemeinen Internetbooms in beiden Ländern hat die Zahl extremistischer deutschsprachiger Angebote im Internet seit 1996 sprunghaft zugenommen. Dies gilt besonders für die Internetdienste World-Wide-Web (WWW), die elektronische Post (eMail), Diskussionsforen (Newsgroups) und Mailinglisten. Das Internet wird zur Mobilisierung der gewaltbereiten rechten Szene ebenso genutzt, wie zur Verbreitung von ethnopluralistischem Propagandamaterial elitärer neurechter Zirkel. Auch wenn radikale Webseiten nur einen winzigen Bruchteil des World Wide Web ausmachen (ca. 1 Promille des Angebotes), so hat sich ihre Zahl in den letzten Jahren verzehnfacht: 1996 waren dem Bundesamt für Verfassungsschutz lediglich 30 von Bundesbürgern eingestellte Seiten bekannt, inzwischen hat sich diese Zahl auf etwa 300 erhöht.[6] Durch neue Techniken kann man vor allem für junge - auch nicht politisierte Menschen der sogenannten Generation @ - die Attraktivität (und damit den Wirkungsgrad?) der Propaganda erheblich steigern und rechtsextreme Inhalte in Bereiche des Internets tragen, wo sie nicht zwingend vermutet werden: Der Versuch der Majorisierung der Online-Foren von CDU und F.D.P. im Bundestagswahlkampf 1998 war dort nur ein Vorgeschmack; insbesondere inoffizielle Fußballfanseiten[7] werden mehr und mehr von Rechtsextremen als Agitationsfeld entdeckt - und genutzt. Auch Subkulturen, von denen man es auf den ersten Blick nicht erwarten würde, werden gezielt von rechtsextremen Kräften unterwandert und instrumentalisiert.[8] Ferner sind seit 1997 verstärkte Bemühungen erkennbar, mit der Verflechtung der verschiedenen Kommunikationstechniken wie Internet, Mailboxen und "Nationale Info-Telefone" (NIT) die informationelle Vernetzung im rechtsextremistischen Bereich organisationsübergreifend zu forcieren und instrumentalisieren.

Ende 1999 waren fast alle den Behörden bekannten bundesdeutschen und österreichischen Rechtsextremisten mit eigenen Angeboten im Internet vertreten. Die aktuelle Entwicklung ist gekennzeichnet von

·        einem rasch wachsenden Umfang der einzelnen Angebote

·        einer weiteren Zunahme der Zahl extremistischer Anbieter und

·        einer Professionalisierung der Angebote.

Dadurch haben sich Rechtsextremisten im Kommunikationsmedium Internet innerhalb von nur zwei Jahren fest etabliert.

Im Gegensatz zu meiner Untersuchung des Auftritts zumeist neurechter Gruppen im WWW[9], wird in dieser Untersuchung die enge personelle Verquickung und das zunehmende Wirken und Zusammenwirken von Zirkeln aus dem Spannungsfeld zwischen Konservativismus und Neuer Rechter sowie rechtsextremer, neonazistischer revisionistischer und rassistischer Gruppen und Personen beleuchtet. Ferner wurde das Agieren deutscher und österreichischer Rechtsextremer und ihrer Internetauftritte bis dato wenig gewürdigt[10] und noch nicht bis ins letzte Detail wissenschaftlich untersucht. Kurz sollen Geschichte und Perspektiven des Internet, vor allem seine politischen Aspekte dargestellt werden und die Aktivitäten der wichtigsten rechtsextremen[11] Gruppen und Personen in Deutschland und Österreich beschrieben und untersucht werden. Die Entstehungsgeschichte des Internets in seiner heutigen Form und das dezentrale Moment des World Wide Web müssen kurz dargestellt werden, um einen Eindruck zu gewinnen, warum dieses Medium so schwer zu kontrollieren und rechtswidrige Einspielungen nur selten juristisch zu würdigen sind.[12]

Darüber hinaus wird die mögliche Notwendigkeit und Wirksamkeit von technischen und juristischen Maßnahmen gegen strafrechtlich relevante rassistische und neonazistische Propaganda im Internet angesprochen und zur Diskussion gestellt. Nicht Inhalt der Arbeit sollen etwaige politische Gegenstrategien zum Zurückdrängen dieser Inhalte sein!

Der Mißbrauch des Internets seitens Rechtsextremer hat in den letzten Jahren sprunghaft zugenommen und es steht zu befürchten, daß sich diese Entwicklung noch verstärken wird. Die politischen, juristischen und technischen Möglichkeiten des Internets sind prädestiniert für die - ungewohnt zensurfreie - Veröffentlichung:

 

·        Sie entziehen sich der Strafverfolgung und allen Formen behördlicher Kontrolle, Bekämpfung und Unterdrückung,

·        sie erreichen kostengünstig, mit einfachem Aufwand und schnell ein großes Publikum,

·        die weltweite Verbreitung der Propaganda und internationale Kooperation mit Gleichgesinnten werden ermöglicht.

Durch das Agieren in den Neuen Medien versuchen deutsche und österreichische Rechtsextremisten in den vielfältigen Diskussionsforen, die Inhalte und auch den Diskussionsverlauf vorzugeben und Gegenöffentlichkeit herzustellen. Neben dem Wettmachen fehlender personeller und finanzieller Strukturen zur Darstellung der eigenen Ziele und Programmatik, kann man durch das Verschlüsselungsprogramm Pretty Good Privacy (PGP) im World Wide Web ungestört, d.h. ohne Kontrolle durch Dritte, miteinander kommunizieren und auf Aktivistenebene neuralgischste und heikelste Inhalte austauschen. Deshalb wird auch die Kryptographie in einem kurzen Kapitel behandelt.

"Neonazis: Hetztiraden im Netz"[13] oder "Rechter Aufmarsch im Internet" usw. Die Öffentlichkeit denkt bei diesen Begriffen aus der Presse und öffentlichen Diskussion reflexartig an drohende Gefahren, die einem solch dezentralen Medium eigen sind. Neben den positiven Möglichkeiten, die das Internet bietet, tummeln sich in mancher Leute Augen dort vor allem Nazis, es genügt ein Mausklick um Anleitungen zum Bombenbau zu [moderne Märchen?! Siehe auch] erhalten und man stößt ständig auf Kinderpornographie.[14] Wie gehabt: Kein neueres Medium beherrscht so die politische Debatte um die Informationsgesellschaft und den Aufbruch in das 21. Jahrhundert. Dennoch ist die Freiheitsdebatte - nicht zuletzt aufgrund der aktuellen Ereignisse in den Niederlanden - immer mehr einer Freiheitmißbrauchsdebatte gewichen.[15] Dieses Medium verspricht mittels der Vielzahl von Angeboten einen globalen wissenschaftlichen Austausch binnen Sekunden per e-mail, man kann sich in Diskussionsforen (Mailboxen und Newsgroups[16]) austauschen, erwirtschaftet Gewinne durch e-commerce, bricht das Informationsmonopol diktatorischer Regime und vor allem das multimediale World Wide Web, kurz WWW, bietet ein weitaus größeres Spektrum an Möglichkeiten, als dies mit bisherigen Kommunikationsformen möglich war. Internet- und Online-Dienste ermöglichen die rasche Kommunikation und den Versand großer Datenmengen zu jedem Standort rund um den Globus und die Be- und Verarbei­tung von Informationen unabhängig vom Standort. Welche Auswirkungen wird diese Entwicklung auf unsere künftigen Arbeits- und Sozialbeziehungen haben? Der Zugang zu diesem vielfältigen und globalen Informationssystem kann der Erweiterung unseres persönlichen Wissens, der Arbeitswelt und des Handlungsspielraums dienen. Auf die globalen Auswirkungen des Mediums Internet weist auch die UNESCO in ihrem Dokument (28 C/4) “Strategien zur Entwicklungsförderung” aus dem Jahre 1996 hin:

„Der Bereich der Kommunikation ist eng mit den Menschenrechten und insbesondere der Meinungsfreiheit verbunden und spielt für die Entwicklung und das Wohl der Menschheit sowie den Weltfrieden eine entscheidende Rolle. Kommunikation - in erster Linie die Medien - und Information in allen Bereichen menschlichen Handelns bedeuten: Verbreitung von Nachrichten und Ideen, Übertragung wissenschaftlicher und technischer Daten, demokratische Willensbildung und kulturelles Leben, für den Einzelnen wie die Gemeinschaft.”[17]

Im Rahmen dieser Arbeit werden, neben einem kurzen Abriß zur Entstehungsgeschichte, die Wertvorstellungen, Taktiken und vor allem die Darstellung der Neuen Rechten im WWW untersucht. Es wird analysiert, wie sich vor allem die intellektuelle Neue Rechte, die stark vereinzelt und in Zirkel aufgesplittert,[18] durch die Nutzung neuer Medien an einer „gemeinsamen Front beim Kampf um kulturelle Hegemonie[19] präsentiert.

 

 

http://www.spiegel.de/netzwelt/politik/0,1518,44788,00.html

 

Siehe  http://members.xoom.com/Hitlergruss , Recherche vom 23. Februar 2000

 

Während einige dieser Suchmaschinen bewußt Seiten mit rechtsradikalem Inhalt verweigern, indem diese einfach nicht erfaßt werden (z. B. »Yahoo«), werden beispielsweise von »AltaVista«, einer sehr großen amerikanischen Suchmaschine, alle angemeldeten Seiten in den Bestand aufgenommen. Auf amerikanischen Servern liegen etliche, nicht selten deutschsprachige, Seiten mit rechtsradikalen Inhalten bis hin zu Mordaufrufen. Neben Texten finden sich auch zahlreiche Bilder, Videos und Tondokumente. Diese lassen sich gegen Entgelt bestellen oder häufig einfach herunterladen.

 

Vor einiger Zeit hat sich eine Organisation gegründet, deren Anhänger in diversen Länder die sogenannte »Erste nationalsozialistische- und Hammerskinseite« erstellen. Der Sitz der deutschen Version befindet sich höchstwahrscheinlich in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden. Da Dresden bekannt dafür ist, Sitz von diversen hochrangigen Nazis zu sein, dürfte es nicht allzusehr verwundern, daß die Nazis sich genau dort einnisteten. Diese Seite befindet sich aber auf einem amerikanischen Server. Grund: das Zeigen von in Deutschland verfassungsfeindlichen Symbolen wie SS-Runen, Hakenkreuzen, etc. Nicht selten sind auch Diffamierungen von Menschen jüdischer Herkunft, schwarzer Hautfarbe usw. Zu beachten ist bei all die-sen Erscheinungen innerhalb des Netzes, daß generell jedes Kommunikationssystem mißbraucht werden kann. Nicht das Netz oder die Betreiber des Netzes sind gültige Adressaten der Anklage, sondern die Nutzer. Es bedarf allerdings noch großer Anstrengung, sowohl technischer als auch juristischer Art (z.B. internationales Vorgehen), um diesen das Handwerk legen zu können. Wenn das Morden an Millionen Menschen geleugnet oder gar gerechtfertigt wird, spätestens dann sollte die Frage gestellt werden, wieweit Meinungsfreiheit gehen darf.

 

Marius Farwig/Andreas Siegmund-Schultze

 

Da sie sich nicht auf dem Niveau plumper sogenannter „Stiefelfaschisten[20] bewegt, erscheint eine Auseinandersetzung mit der Neuen Rechten entscheidend, weil es sich hierbei um die intellektuellen Vordenker handelt, die, nach Burckhard Schröder, „(...) die intellektuelle Munition für diejenigen [liefern], die kein ausgefeiltes und abgeschlossenes Weltbild brauchen, um ihre Vorurteile und den Haß gegen alles Fremde auszuagieren“.[21] So sehr die Heterogenität der Rechtsextremisten auch bei der Präsenz im Netz feststellbar ist, so sehr gleichen sich doch die allgemeinen Inhalte, Angebote und Interaktionsmöglichkeiten, wie sie im Verlauf der Untersuchung noch dargestellt werden.

Denn "das Thema [ist] mittlerweile auch interessant. Wenn man jenes Reagenzglas, in dem 1000 Ideen kochen, wie es die nationale Opposition heute darstellt, mit der Lage von z.B. noch Anfang der 90er vergleicht, dann muß man schon auch objektiv feststellen, daß es die berechenbare, einförmige und ideenlose nationale Szene jener Tage mittlerweile nicht mehr gibt."[22]

 

Auf die tatsächlichen und denkbaren Möglichkeiten der Nutzung des World Wide Web durch die Neue Rechte wird im Abschnitt 7 eingegangen werden. Wenn der Obertitel der Untersuchung Die Neue Rechte und die Neuen Medien lautet, so konzentriert sich die Untersuchung, bis auf das Thule-Netz [siehe auch die 1995er Ausführungen von B. Schröder], das ob seiner Entstehungsgeschichte und den Einflußmöglichkeiten in den Diskussionsforen („Cyberguerilla“) eine Ausnahme bildet, auf die Präsenz der Neuen Rechten im World Wide Web. Die dem Internet angeschlossenen Foren und Mailboxen („Schwarze Bretter“) bieten hervorragende Möglichkeiten, den Kampf um kulturelle Hegemonie auszutragen und latent rechte Computernutzer von der „Richtigkeit“ der Argumente zu überzeugen, indem die Diskussionsforen majorisiert bzw. die Newsgruppen systematisch chaotisiert und als „Schlachtfeld“ genutzt werden. Zu dem Bereich der „Cyber-Guerillas im UseNet“  [23] gibt es einen kurzen Exkurs unter Punkt 3.4.

 

Die Entstehungsgeschichte des Internet in seiner heutigen Form und das World Wide Web als Schwerpunkt der Analyse müssen dargestellt werden, um einen Eindruck zu gewinnen, warum dieses Medium so schwer zu kontrollieren und rechtswidrige Einspielungen nur selten juristisch zu würdigen sind. Die Neue Rechte in toto ist bereits ein schwer zu definierendes Subjekt. Noch diffiziler ist es, eine exakte Abgrenzung vorzunehmen, was noch als demokratisch innerhalb der Neuen Rechten zu bezeichnen ist und was ins verfassungsfeindlich-rechtsextremistische Spektrum gehört. Denn bereits „(...) seit Mitte der siebziger Jahre und dann verstärkt ab Mitte der achtziger Jahre läßt sich in Deutschland auf intellektueller Ebene eine Auflösung der Grenzziehung zwischen bestimmten Rechtsextremisten und bestimmten Konservativen beobachten“.[24]

Die Verwischungen innerhalb des Untersuchungsgegenstandes Neue Rechte und ihr Auftritt im World Wide Web sowie das daraus resultierende Grenzgängertum sind wegen der vielfältigen Möglichkeiten der „Verlinkung“ und damit auch Vernetzung einzelner Inhalte fließender, als es dies bei personellen Überschneidungen im politischen und publizistischen Umfeld der Neuen Rechten der Fall ist. Um über einen Arbeitsbegriff von Neuer Rechte zu verfügen, bietet sich die Orientierung an der Bewertung diverser Verfassungsschutzmitarbeiter der Länder einerseits und die plausible Theorie Armin Pfahl-Traughbers andererseits an. Ihnen zufolge ist „(...) die Neue Rechte kein eigenständiger Akteur, sondern ein Konglomerat aus Einzelelementen, die in ihrer Summe ‘das intellektuelle Brückenspektrum zwischen Konservativismus und Rechtsextremismus’ ausmachen“.[25]. Aufgrund der Akzentuierung der Arbeit erscheint es nicht erforderlich, einen die Bewertung und genaue Einordnung der Neuen Rechten in allen Facetten umfassenden Theorienstreit wiederzugeben.

So wird im weiteren Verlauf aufgezeigt, daß die Neue Rechte das Synonym für die „Erosion in der Abgrenzung zwischen Demokraten und Extremisten [Hervorhebung HS] ist.[26]

Mit diesem Arbeitsbegriff, der im Zuge der Untersuchung von neurechter Öffentlichkeitsarbeit im Internet ausreicht, lassen sich anhand der Analyse der Websites diese Erosionen anschaulich darstellen.

Die Neue Rechte, die sich gegen die „Alte Rechte“ (NS-Leugner, -Relativierer und Neonationalsozialisten) aber auch gegen demokratische Konservative (auf dem Boden der freiheitlichen demokratischen Grundordnung) abgegrenzt, nutzt intensiv die neuen Kommunikations­möglichkeiten. Auf der einen Seite zur Werbung, zur Selbstdarstellung und als communication market, als Medium, mit dem man Informationen austauscht und auf der anderen Seite im Sinne einer Aktionsbündelung, indem z.B. versucht wird, in den vielfältigen Diskussionsforen die Inhalte und auch den Diskussionsverlauf vorzugeben und Gegenöffentlichkeit herzustellen. Neben dem Wettmachen fehlender personeller und finanzieller Strukturen zur Darstellung der eigenen Ziele und Programmatik, kann man durch das Verschlüsselungsprogramm Pretty Good Privacy (PGP) im World Wide Web ungestört, d.h. ohne Kontrolle durch Dritte, miteinander kommunizieren und auf Aktivistenebene neuralgischste und heikelste Inhalte austauschen. Deshalb wird auch die Kryptographie in einem kurzen Kapitel gewürdigt. Darüber hinaus können auch „spontane“ Aufmärsche und Veranstaltungen koordiniert werden, wie z.B. die Demonstration gegen die Wehrmachtsausstellung in München im März 1997. Dazu heißt es im Nordland-Netz: Die Vorteile der Computervernetzung sind vielen Aktivisten klar geworden und werden genutzt. Das Nordland-Netz will in erster Linie als Nachrichten- und Informationsaustausch -Medium dienen“.[27]

Das Hauptaugenmerk wird sich jedoch auf die Präsenz im World Wide Web richten; dabei drängen sich folgende Fragen auf: Was bedeutet es für den politischen und kulturellen Kontext, was ist - unter medientheoretischer Kurzbetrachtung - die Eigentümlichkeit des Netzes, warum lassen sich Inhalte dort einfacher transportieren als durch andere Medien und wie entstand es?

Zur Beantwortung dieser Fragen bedarf es der Beschreibung der Besonderheit des Internets, der Freiheit des Datenaustauschs, seiner dezentralen Struktur, die fast an Anarchie grenzt, um herauszuarbeiten, warum dieses Transportmittel insbesondere auch für die politische Meinungsbildung im allgemeinen und für die Neue Rechte im speziellen interessant ist. Der Gebrauch des multifunktionalen Mediums hat in der Bundesrepublik Deutschland eine sehr niedrige Zugangsschwelle. Man benötigt einen handelsüblichen Personalcomputer, ein Modem, einen Telephonanschluß und die zumeist gratis zu erhaltende, leicht zu bedienende Zugangssoftware. So ausgestattet hat man Zugang zum World Wide Web. Die Forderung „Universitäten und Schulen an’s Netz“ sorgt dafür, daß Schüler und Studenten auch ohne eigenen Computer Zugang zum Netz erhalten. Neben den Vorteilen, die sich im WWW gegenüber den Mailboxsystemen ergeben (Kostengünstigkeit und Erreichbarkeit), spielt die einfache Handhabung, Verfügbarkeit und Erstellung der Websites, die Übermittlung von Video-, Ton- und Graphiksequenzen, die standardisierte Programmiersprache HTML, die Möglichkeiten der Interaktion sowie die Vernetzung von Datenfundstellen per Links, aus denen sich die Netzstruktur ergibt, eine gewichtige Rolle.[28]

Da - neben der Präsenz der einzig untersuchten Partei (in der Grauzone rechtsdemokratisch und rechtsextrem, d.h. im Bereich der Scharnierfunktion), dem Bund Freier Bürger / Nationale Offensive für Deutschland -  vor allem Sammlungsbewegungen und intellektuelle Zirkel auf neurechter Seite das Netz zum Erreichen von Öffentlichkeit nutzen, erlaubt die Betrachtung der Homepages auch hier die Darstellung der fließenden Übergänge zwischen konservativ-demokratischen und neurechts-rechtsextremen Positionen. Hier spielt die fehlende personelle Organisationsstruktur bzw. die Antipathie neurechter Gruppierungen gegenüber Parteien, die Reduzierung auf Einflußnahme im vorpolitischen Feld und im dezidiert rechtsextremen / neonationalsozialistischen Umfeld, die Zerschlagung ihrer Strukturen durch Polizei und Justiz eine Rolle. So werden Gesichtspunkte, wie terminliche Koordination, der Austausch von Nachrichten, die Bereitstellung und Verbreitung von elektronischen Versionen der Publikationen, der teilweise vorzufindende Versand von Druckvorlagen

 ("Ein Mausklick genügt, und die Grafik kann auf dem heimischen Drucker als fertiges Flugblatt ausgedruckt werden. ")[29]

für Propagandamaterialien und der Versand von Büchern und verstärkt Tonträgern von „Nazibands“ oder „Nationalbarden“ à la Frank Rennicke zum wichtigsten Aspekt der Binnenkommunikation. Ferner werden Organisationsnetzwerke geschaffen und virtuelle „befreite Zonen“.[30] Fehlende personelle und organisatorische Strukturen werden durch Absprachen und Meldungen via e-mail, Terminbekanntgaben über das Internet und Nationale-Info-Telephone (NIT) zu egalisieren versucht. Aufgeschlossene Nutzer der neuen Kulturtechniken sollen von intellektuellen Zirkeln wie dem Thule-Seminar[31] oder dem Deutschen Kolleg[32] angesprochen werden; man zielt auf die Attraktivität der „Über-Politik“ jenseits der Niederungen von Parteipolitik ab: Metapolitik als Kriegsschule der Ideen - Die Machtfrage ist geistig-kultureller Art - Die Metapolitik ist genauso alt wie die Geschichte selbst - Das »Thule-Seminar«: Eine Partei des Geistes“.[33]

Ferner wird versucht, auch „normalen“ Nachwuchs zu rekrutieren bzw. wertkonservative Personen für die neurechten Gesprächskreise zu begeistern und Internetsurfer zu politisieren. Indem man die Diskussionsforen majorisiert bzw. zu majorisieren versucht und bei der Einspeisung von WWW-Inhalten auf Themen abzielt, die den meisten Menschen am Herzen liegen, wie z.B. die Einführung des EURO oder die Chancen und Risiken einer multikulturellen Gesellschaft, können auch neurechte Ideen mittransportiert werden.

 

http://www.nit.de/cgi-nit/fr-anzeige.cgi?id=0000489&na=1&se=0

Beitrag von Bernd Schau vom Dienstag, 22. Februar 2000:

 

Ich denke es wäre ein lohnenswertes Nahziel, wenn jeder seinen Bekanntenkreis das Internet näherbringt. Wenn das NIT nur von 1000 Leuten täglich besucht wird, dann ist das Potential längst nicht ausgeschöpft. Noch schlimmer sieht es auf anderen Seiten aus. Einige Betreiber nationaler Seiten finanzieren sich teilweise durch Werbung. Mehr Besuche pro Tag kann hier helfen, daß diese nicht wieder verschwinden.

Dieses bachliegende Potential sollte doch erschlossen werden. Jeder von uns kann mithelfen. So können wir unseren Bekanntheitsgrad ohne große Anstrengung erhöhen. Die Informiertheit der Gesellschaft fängt bei der Informiertheit im rechten Lager an.

 

Das politische Arbeiten mit Datenfernübertragung (DFÜ) findet in der Bundesrepublik Deutschland schon seit den achtziger Jahren statt. Da für die Neue Rechte insbesondere die Hochschulen das ureigenste Aktionsfeld darstellen und vor allem diese Gruppe im Umgang mit den neuen Kommunikationstechnologien sehr vertraut und offen gegenüber eingestellt ist, hofft man, hier die zukünftige Führungsschicht, die Elite der Gesellschaft für sich zu gewinnen.[34]

Analytisch sind in den elektronischen Diskussionsforen dabei zwei Ebenen zu unterscheiden:

Unsystematisch wird das Thema von einzelnen Nutzern in Form von News oder der Teilnahme an Chats in das Netzgeschehen eingespeist oder gepostet. Zumeist handelt es sich um Beiträge zu tagespolitischen Ereignissen oder gesellschaftlichen Problemen, die auch im übrigen Alltag häufig zum Gesprächsstoff werden, etwa zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen, zum Bundeswehreinsatz außerhalb des Vertragsgebietes der NATO, zum Krieg auf dem Balkan oder in Tschetschenien oder auch zu Katastrophen wie dem Erdbeben in Kobe / Japan. Mitunter „verhallen“ diese Beiträge ungehört in irgendeiner News‑Gruppe. Gerade wenn die behandelten Themen hochbrisant sind (Asylkompromiß oder Einführung des EURO), kann es zu wochenlangen Diskussionen kommen.

„So konnte die Fülle der Diskussionen und Beiträge zur 'Wiedervereinigung' nur noch mit Gigabyte gemessen werden, ähnlich verhielt es sich beim 'Golfkrieg'. Die Netze setzen hier die Tradition der öffentlichen 'Palaverplätze' fort, vergleichbar Kneipen, dem Kirchplatz im sonntäglichen Dorf oder der 'speaker's corner' im Londoner Hyde‑Park. In den Netzen entsteht so eine Art neumediale 'agora'. Das Medium wird selbst zum öffentlichen Treffpunkt, zur 'Piazza Virtuale', wo Menschen sich ‑ wenn auch physisch abwesend ‑ zum Diskutieren versammeln“.[35]

Systematisch wird versucht, die Meinungsführerschaft in einzelnen Newsgroups zu Erlangen, wie dies unter Punkt 3.4. ausgeführt wird.

Die Untersuchung wird abgerundet durch einen Exkurs über juristische Probleme insbesondere bei der Strafverfolgung durch deutsche Behörden. Neben der einfachen Umgehung der deutschen Justiz durch die Einspeisung der Inhalte aus dem Ausland, sind es vor allem die sogenannten Links, die Verweise auf andere Websites, die neben ihrer juristischen Problematik[36] häufig auch sehr aufschlußreich sind, um zu sehen, wes Geistes Kind der Betreiber einer Seite im Netz ist. Das Setzen von Links auf andere Seiten korrespondiert eng und inhaltlich mit den personellen Querverbindungen in den Übergängen der Drei-Lager-Theorie nach Lenk.[37]

Die Frage, wie ernst das Phänomen Rechtsextremismus in den Netzen genommen werden muß, inwieweit sie eine Bedrohung der Meinungsfreiheit und -vielfalt sind, die auch ihnen gewährt werden muß, als auch die Frage nach ihren Möglichkeiten der politisch-kulturellen Einflußnahme, wird abschließend erörtert und bewertet. Auch wenn es nur normal ist, daß neue Medien von Gruppen jeglicher Couleur genutzt werden, ist das innovative Moment zu beachten:

Durch die Nutzung der Neuen Medien sollen gezielt Jugendliche und junge Erwachsene, für das rechtsextremistische Gedankengut akquiriert und gewonnen werden. Jene, die die Regeln der Nettiquette verinnerlicht haben, die Freiheit der Sprache im World Wide Web schätzen, schützen und sich in den Weiten des Cyberspace auskennen und es zunehmend als Instrumentarium zur politischen Diskussion und Auseinandersetzung nutzen.

Im Anhang der Untersuchung sind einige Screenshots von Websites und Originalquellen abgedruckt. Sei es wegen der Verwendung eindeutig prägnanter Symbole und Graphiken, von Querverweisen auf bekannte revisionistische Autoren bzw. Gruppierungen oder weil einiges so eindeutig auf den Betrachter wirkt, daß es wert erschien, aufgenommen und nicht nur im jeweiligen Abschnitt als „Originaldokument“ wiedergegeben zu werden.

Um einen gewissen Lesefluß möglich zu machen und auch dem Leser mit weniger EDV- bzw. DFÜ-Kenntnissen Zugang zu verschaffen, wurde auf ausufernde Erklärungen der EDV-Begriffe, insbesondere bei Abschnitt 3, Geschichte des Internets bzw. World Wide Webs, verzichtet.[38]

 

Weiterer neuer "Trend": rassistische SMS per Mobiltelephon, sowie bei Nokia: Bilder politischer Symbole

 

1.2)     Untersuchungszeitraum [top]

 

Der Untersuchungszeitraum umfaßt die Jahre 1996 bis 1999. Die Zeit bis 1996/97 ist vor allem durch das Thulenetz gekennzeichnet und wird ausführlich dargestellt. 1996/97 ist eine Zäsur durch den Auftritt der NPD als eigener Provider erkennbar und dieser Quantensprung fällt zusammen mit dem explosionsartigen Ansteigen deutschsprachiger Internetnutzer in Deutschland und Österreich und der rechtsextremistischen Angebote im Netz.

Die Zahl der Internetbenutzer in Österreich beläuft sich gegenwärtig auf 1.580.000 Personen. Das sind 24 % der Gesamtbevölkerung.[39] Damit hat sich die Zahl der Internetbenutzer in Österreich seit 1996 (550.000 Nutzer) um 287 % erhöht.[40] In Deutschland sind es derzeit ca. 14 Millionen, die über einen beruflichen, universitären oder privaten Internetzugang verfügen. So werden die Entwicklungen der Jahre 1998/1999 - und hier die nachfolgenden Einspeisungen - nachgezeichnet.

 

1.3)     Stand der Forschung [top]

Bis dato gibt es keine gedruckte größere wissenschaftliche Untersuchung zum Thema Rechtsextremistische Internetauftritte deutscher und österreichischer Gruppen im World Wide Web. Die aktuellsten Forschungsbeiträge zum Thema „Internet und Politik“, die in Printform veröffentlicht wurden, stammt von Lutz Hagen Online-Medien als Quellen politischer Information[41], ferner Claus Leggewies Sammelband Internet & Politik; sie erschienen 1998. Neben der Darstellung des Berliner Journalisten Burkhard Schröder über seine Erfahrungen in den Mailboxen des Thule-Netzes, die schon nahezu historischen Charakter besitzt[42], der kurzen Beschreibung inkriminierter Inhalte und Zensurbestrebungen als auch -möglichkeiten im World Wide Web von 1998, Das Ende der totalen Freiheit im Internet. Die Auswirkungen inkriminierter Inhalte auf die Informationsgesellschaften von Alexander Gruhler, das sich mit der US-amerikanischen Präsenz Stormfront, und den Diskussionsforen im UseNet auseinandersetzt, bieten lediglich noch die Verfassungsschutzberichte der Länder und des Bundes einige Einblicke in den Bereich rechter Computerkultur.

Ferner hat das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) eine Momentaufnahme mit dem Buch Das Netz des Hasses. Rassistische, rechtsextreme und neonazistische Propaganda im Internet, Wien 1997, veröffentlicht. So läßt sich feststellen, daß zum Thule-Netz, da es das erste seiner Art war und eine große Medienresonanz hervorrief, einige Publikationen insbesondere in elektronischer Form und in der „grauen Literatur“ von antifaschistischen Gruppen veröffentlicht wurden, nicht jedoch die Neue Rechte, im Hinblick auf die Nutzung des World Wide Web für ihre Zwecke, untersucht wurde.

Derzeit fertigt Thomas Pfeiffer, Autor der Broschüre der Antifa Dortmund-Nord Rechtsextremisten auf dem Datenhighway eine Promotion über Rechtsextremismus in den Medien an, in der er zum Teil die Agitation in den Datennetzen mituntersucht.[43] An den Hochschulen der Bundesrepublik (z. B. TU Berlin, Antisemitismus im Internet, Sommersemester 1997) und Österreich (hier insbesondere Wien und Innsbruck, Eine recht(sextrem)e Computerkultur) fanden schon einige Seminare zum Thema „Rechtsextremismus in den Netzen“ statt, ich konnte bei der Heinrich-Böll-Stiftung Berlin als Referent zu diesem Bereich im Februar 1999 auftreten und Teilergebnisse sind ins WWW eingestellt worden. Jedoch bleibt deren Hauptaugenmerk bei Revisionisten wie Ernst Zündel, Negationisten („Auschwitzlüge“), dem Thule-Netz und Seiten, die eindeutig rassistisch-neonazistischen Charakters sind. Auch im Rahmen der Friedrich-Ebert-Stiftung, Büro Leipzig, wurde im Sommer 1997 ein Wochenendseminar über „Die Neue Rechte, der neue Rechtsextremismus und ihre Strategie in den Neuen Medien[44] abgehalten. Das Hauptaugenmerk lag hier ebenfalls auf dem Thule-Netz und dem Nordland-Netz. An neueren ungedruckten Untersuchungen konnte ich einblicken: Dörrbecker, Heinz-Lorenz, Rechtsextremismus im Internet, Diplomarbeit, Marburg 1999.[45] Ferner gewann ich Einblick in zwei Diplomarbeiten, die in den letzten beiden Jahren in Innsbruck eingereicht wurden: Piok, Margit, Per Mausklick zum H@kenkreuz. Droht rechtsextreme Gefahr aus dem Internet?, Dipl.- Arbeit, Innsbruck 1998 und Bösche, Andreas, Internet und Rechtsextremismus. Die Schattenseiten des WWW, Diplomarbeit, Innsbruck 1999.

Im Rahmen der Friedrich-Ebert-Stiftung, Büro Leipzig, wurde im Sommer 1997 ein Wochenendseminar über „Die Neue Rechte, der neue Rechtsextremismus und ihre Strategie in den Neuen Medien[46] abgehalten. Das Hauptaugenmerk lag hier ebenfalls auf dem Thule-Netz und dem Nordland-Netz.

[...]

Bei einer Untersuchung des Gegenstandes Internet muß eines immer vor Augen sein: Da die Datenfundstellen schnell modifizierbar sind, häufig wandern resp. verboten werden und Inhalte auch von den Nutzern bestimmt werden („Bei Fragen und Anregungen zu diesem Angebot wenden Sie sich bitte an den Webmaster[47]), kann eine solche Untersuchung immer nur den Charakter einer Momentaufnahme[48] haben.

 

 

 

·        Dörrbecker, Heinz-Lorenz, Rechtsextremismus im Internet, Diplomarbeit, Marburg 1999

Ein handwerklich schlecht gestricktes Buch. Forschungsergebnisse und Publikationen bis Februar 1999 wurden schlichtweg ignoriert. Lediglich die Analyse der Newsgroup alt.revisionism stellt eine dankbar angenommene Fleißarbeit dar.

·        Piok, Margit, Per Mausklick zum H@kenkreuz. Droht rechtsextreme Gefahr aus dem Internet?, Dipl.- Arbeit, Innsbruck 1998.

·        Bösche, Andreas, Internet und Rechtsextremismus Die Schattenseiten des WWW, Diplomarbeit, Innsbruck1999

 

 

 

Da die Datenfundstellen schnell modifizierbar sind, häufig wandern - von Präsenzen mit eigener Domain abgesehen - und Inhalte auch von den Nutzern bestimmt werden („Bei Fragen und Anregungen zu diesem Angebot wenden Sie sich bitte an den Webmaster[49]), kann eine solche Untersuchung immer nur den Charakter einer Momentaufnahme haben.

 

1.4)   Zur Problematik von Online-Quellen[50] [top]

Gegenstand dieser Arbeit ist eine Auseinandersetzung mit den Homepages verschiedener rechtsextrtemistischer deutscher und österreichischer Gruppierungen im World Wide Web aus einem politikwissenschaftlichen Blickwinkel. Als Originalquellen werden elektronische Quellen verwendet. Jedoch ist das formale Problem der Zitierweise von Online-Quellen noch nicht endgültig gelöst.

Die Nutzung von Online-Quellen in wissenschaftlichen Arbeiten ist grundsätzlich möglich, sofern die Art und der Weg der Veröffentlichung benannt werden kann. Bisher existieren noch keine endgültigen Standards, in denen die Zitierweise von Quellen im Internet eindeutig festgelegt ist.[51]

Es handelt sich hier um eine formale Schwierigkeit, die nicht in direktem Zusammenhang zu dem Thema der Arbeit steht und daher nur kurz umrissen werden soll.

Anhaltspunkte für die formale Zitierweise von Online-Quellen liefern die Empfehlungen einiger amerikanischer Institutionen.[52] Mit dem Beleghinweis wird die Absicht verfolgt, die Überprüfbarkeit einer Aussage zu gewährleisten. Da jedoch die Originalquellen sehr kurzlebig sind, oft modifiziert werden, weil sie, wenn es sich um eine Veranstaltungsankündigung handelt wieder gelöscht werden, nicht im ganzen Umfang auf der Website archiviert werden, teilweise Straftatbestände streifen oder erfüllen oder auf Wunsch der Nutzer ein neuer Schwerpunkt gelegt wird, muß die Quelle zum Zeitpunkt des Abrufs in toto archiviert werden. Bei elektronischen Quellen bietet sich wegen der Schnellebigkeit der Websites[53] die Archivierung auf der Festplatte oder einem anderen Speichermedium an.[54]

Deshalb wurden Ausdrucke und Screenshots der Seiten beigefügt und in den angegebenen Original-URLs das Datum des Abrufs wiedergegeben. Die Adressen der Sites „wandern“ oder werden häufig nach Entdeckung durch die Provider geschlossen. Es kommt auch vor, daß der Provider dem Kunden nahelegt, sich nach einem anderen Unternehmen, das webspace zur Verfügung stellt, umzusehen. Dies ist vergleichbar mit der Umbenennung von rechtsextremen Organisationen, wobei die zentralen Personen und „Lichtgestalten“ die gleichen bleiben. Ein gutes Beispiel hierfür bietet der „nationale Barde“ Frank Rennicke, der nicht der „Neuen Rechten“ zuzurechnen ist, jedoch ein Beispiel für die Märtyrisierung der rechtsextremistischen Protagonisten liefert, wenn er seinen Wechsel des Providers mit den Worten, Verlegung dieser Internetseiten ins Ausland. Um zu gewährleisten, daß diese Internetseiten auch künftig abgerufen werden können, mußte der Provider gewechselt werden. Die Seiten werden ab sofort aus dem  freien [Hervorhebung HS] Ausland ins WWW gestellt.[55] kommentiert. Neben dieser „erzwungenen Wanderung“ werden heikle Inhalte oder Links nach Abmahnung durch Provider bzw. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft entfernt oder nicht mehr zum Download bereit gestellt.

Durch die Liberalität des Mediums kann es aber auch vorkommen, daß Seiten, wie z. B. die des Revisionisten Zündel gesperrt werden und die Daten doch wieder abrufbar sind, weil sie gespiegelt wurden.[56]

Wenn auch die Untersuchung zum größten Teil die HTML-Seiten der WWW-Angebote behandelt, so werden als Quellen obendrein Newsletter, Beiträge aus Mailinglisten und e‑mails, als unterschiedliche Arten von Quellen genutzt. Als Folge ergibt sich hierbei ebenfalls die Frage nach der Zitierweise und der temporären Verfügbarkeit und inhaltlichen Modifizierbarkeit von elektronischen Texten.

So kann dem Verfasser ein Aufsatz oder Zitat auf Anfrage mittels persönlicher e-mail zugesandt werden. Artikel oder Informationen, z.B. elektronische Rundbriefe und Diskussionsbeiträge, wie sie z.B. der Konservative Gesprächskreis Hannover oder deren PC-AG-Leiter Horst Schilling publiziert, können m.E. nur als Quelle verwendet werden, wenn Art und Weise belegt werden, wie man den Text erhalten hat. Jedoch kann nicht garantiert werden, daß das Dokument zu einem späteren Zeitpunkt noch in unveränderter Form erhalten werden kann, da es weitergeleitet oder von einem Betreiber einer Diskussionsgruppe - aus Gründen jeglicher Art - gelöscht wird.[57]

Desweiteren sollte derjenige, der eine Online-Quelle verwendet, das entsprechende Dokument in dem Zustand, wie er es erhalten hat, privat archivieren. Ansonsten ist nicht auszuschließen, daß es in dieser Form nie wieder verfügbar sein wird. Sofern es daten- und urheberschutzrechtlich möglich ist, erscheint laut Ralf Taprogge auch eine öffentliche Archivierung schwer zugänglicher Online-Quellen im World Wide Web sinnvoll. Dabei müssen Autor, Versionsdatum sowie Beschaffungsart und -weg klar gekennzeichnet werden. Voraussetzung dafür ist die Möglichkeit, eigene Dateien im Internet dauerhaft verfügbar machen zu können. Im vorliegenden Falle werden die verwendeten Dokumente nach Abgabe der Doktorarbeit unter der URL:

http://www.heiko-schomberg.de/promotion.html[58]

eingespeist werden.

Statt der Belegung des Beschaffungsweges könnte zukünftig eine Belegung der Online-Quelle über eindeutige Dokument-Identifikationen Abhilfe schaffen.[59]

Bei elektronisch erfaßten Printartikeln, wie bei der Jungen Freiheit (JF) und anderen Publikationen wird, da einerseits die Archivierung durch den Verfasser mit Angabe der URL geschieht, andererseits die Junge Freiheit auch ältere Artikel auf der Website zugänglich macht, ebenfalls die URL samt Datum der Recherche angegeben.[60]

 

Napster!

 

TI: Internet macht Nazis sichtbar QU: taz DA: 12.08.2000 SW: Www; R; Rex

AB: Websites mit strafbaren, rechtsradikalen Inhalten sind in Deutschland verboten. In den USA stehen sie unter dem Schutz der Verfassung. Gut so?

von NIKLAUS HABLÜTZEL

Auch das Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz kennt die genaue Zahl rechtsradikaler Websites in deutscher Sprache nicht. "Über 300" sollen es sein, ist unter http://www.verfassungsschutz.de/ nachzulesen. Gelegentlich wird auch die runde Zahl 500 genannt. Keine einzige der Websites ist auf einem Rechner in Deutschland gespeichert. Zugänglich sind sie trotzdem auch hier. Dafür sorgt die Technik des Internet, der heute - nach jahrelangem Streit - auch das geltende deutsche Recht in gewissem Maße Rechnung trägt. Gesetze greifen nicht Übergeordnete, vorwiegend historische Gründe haben zu einer Beschränkung der vom deutschen Grundgesetz sehr wohl garantierten Meinungsfreiheit geführt. Der Gebrauch nationalsozialistischer Symbole etwa steht unter Strafe, und die einschlägigen Paragraphen des Strafgesetzbuches gelten ohne Einschränkung für alle juristischen und natürlichen Personen, die elektronische Medien benutzen.

Der oft zitierte Paragraph 5 des Informations- und Kommunikationsdienstegesetzes zieht daraus den Schluss, dass Anbieter von Internetdiensten haftbar sind für alle elektronischen Dokumente, die sie "zur Nutzung bereithalten". Internet-Diensteanbieter im Sinne des Gesetzes sind insbesondere verpflichtet, in Zusammenarbeit mit der Polizei für die Entfernung von ungesetzlichen Daten zu sorgen.

Diese sehr eindeutigen Vorschriften verhindern heute, dass strafbare, rechtsradikale Parolen auf deutschen Webservern dauerhaft gespeichert werden. Sie haben jedoch keine einzige rechtsradikale Website aus dem Internet verbannt und auch nicht verhindert, dass solche Websites in Deutschland abgerufen und gelesen werden können.

Für das Internet ist es nahezu egal, an welchem physischen Ort Daten aufbewahrt werden. Deutsche Rechtsradikale speichern ihre Seiten im Ausland, vorzugsweise in den USA. Der technische Aufwand für den Export der Daten ist minimal, die Kosten für ihre Speicherung bei irgendeiner von vielen hundert Firmen, die diese Dienstleistung kommerziell anbieten, sind gering.

Vor allem aber gilt in den USA noch immer das "First Amendment" zur Verfassung aus dem Jahr 1791, ein klassischer Text der politischen Philosophie, der auch in manchen deutschen Schulbüchern als leuchtendes Vorbild der Formulierung eines Bürgerrechts zitiert wird, nämlich des Rechts, eine Meinung jederzeit und unbehindert von staatlichen Gesetzen äußern zu dürfen.

Kein amerikanisches Gericht wird jemals dem Ersuchen einer deutschen (oder irgendeiner anderen) Regierung nachkommen können, eine Website auf einem amerikanischen Server zu löschen, weil sie rechtsradikale Meinungen enthält. Jede Forderung nach einem wirksamen Verbot rechtsradikaler Websites, zuletzt etwa vorgetragen von Paul Spiegel, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, zeugt daher lediglich von einem gewissen Informationsmangel. Die technische und wirtschaftliche Revolution des Internet besteht gerade darin, dass ein Dokument auf einem Computer in Amerika ohne nennenswerte Schwierigkeiten auch auf einem Computer in Deutschland gelesen werden kann.

Noch Mitte der Neunzigerjahre haben deutsche Ermittlungsbehörden versucht, die dafür notwendige Übertragung von Daten der deutschen Rechtsprechung zu unterwerfen. Weltweit bekannt geworden ist der Fall CompuServe, eher nationale Beachtung fand der Versuch des Bundesanwalts, den Zugang zur linksradikalen Zeitschrift radikal zu sperren, die auf einem niederländischen Server gespeichert war. Die Behörden sind in beiden Fällen kläglich gescheitert. und das genannte Informations- und Kommunikationsdienstegesetz stellt deshalb aus gutem Grund die Internet-Diensteanbieter von der Haftung für den Inhalt all der Daten frei, die sie an den Endadressaten weiterleiten.

Die deutsche Justizministerin hat Anfang Juni Initiativen zu einer internationalen Sanktion rechtsradikaler Propaganda im Internet angekündigt. Unternehmen wie der Bertelsmann-Konzern haben ein gewisses Entgegenkommen versprochen - und gestern hat AOL mitgeteilt, bestimmte, bisher auf seinen Rechnern zugängliche Seiten von Rechtsradikalen zu sperren. Sie werden dadurch so wenig aus dem Internet verschwinden wie die anderen rechtsradikale Angebote.

Über den weiteren Erfolg der deutschen Initiative bei Privatunternehmen lässt sich spekulieren, an der amerikanischen Rechtslage wird sie nichts ändern. Schon lange empfehlen Sprecher amerikanischer Institutionen den ihnen grundsätzlich sympathischen deutschen Gegnern rassistischer Propaganda einen anderen Umgang mit  den Rechtsradikalen.

 

Lesen statt verbieten

 

Unübertrefflich elegant pflegt Esther Dyson, die Vorsitzende der Icann, der obersten Regulierungsinstanz des Internet, ihren Einwand so zu formulieren: "Oh, that should be answered, not forbidden." Auch für diese Maxime gibt es zahlreiche Beispiele im Netz. Seit vielen Jahren veröffentlicht die jüdische Organisation "Nizkor" jede irgendwie zugängliche Adresse von Rechtsradikalen im Netz. Nur das scheint der Organisation, die ihre Website (http://www.nizkor.org/) den Opfern des Holocaust gewidmet hat, eine angemessene Antwort auf die braune
Gefahr.

Wer die Neonazis und andere Rassisten ernsthaft bekämpfen wolle, so erläutert Nikor sein Projekt, der sollte schon sehr genau zur Kennnis nehmen, was sie sagen und denken. Nirgendwo lässt sich das besser erkennen als auf den Websites, die Neonazis ins Internet stellen.

niklaus@taz.de
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DIR-Buero, Postfach 1221 35002 Marburg
Tel: +49-(0)6421-3 77 22 FAX 3 77 94
www.uni-marburg.de/dir
Datenbank: www.infolinks.de/dir-ml

 


 

2)      Darstellung der verschiedenen rechtsextremistischen Strömungen [top]

Kurzabriß der in der Literatur vorherrschenden Abgrenzungsversuche zwischen den rechtsextremistischen Strömungen in den umfangreichenden Publikationen und Kurzvorstellung der - auch im WWW stets wiederkehrenden - Protagonisten à la Mechtersheimer, Oberlercher, Rogler, Roehler, Swoboda und neuerdings Mahler et al.

Scan der Definition
[..\Eingelesenes\ZUR DEFINITION DES BEGRIFFES RECHTSEXTREMISMUS.doc]

 

 

Der Begriff Rechtsextremismus wird in der Alltagtagssprache, aber auch in der wissenschaftlichen Diskussion und Literatur meist synonyrti benutzt für Bezeichnungen wie Faschismus, Neofaschismus, Rechtsfundamentalismus, Neue Rechte, Alte Rechte, Rechtsradikalismus oder Rechtspopulismus.3 Der Begriff wird somit  als Sammelbegriff für antidemokratische Einstellungen und antidemokratisches Verhalten im politisch rechts orientierten Spektrum verwendet, ohne daß den Besonderheiten der jeweiligen antidemokratischen Konzepte und totalitären Herrschaftsformen im einzelnen Rechnung getragen würde. Eine allgemeinverbindliche Definition und Theorie des Rechtsextremismus konnte sich -von einem Minimalkonsens abgesehen - bislang nicht herausbilden, so daß abhängig vom jeweiligen Forschungsansatz die Definitionen für Rechtsextremismus unterschiedlich ausfallen können.

 

ERKLÄRUNGSANSATZE UND FORSCHUNGSSTAND

 

Zum Problemfeld Rechtsextremismus sind eine Vielzahl von Publikationen mit unterschiedlichsten wissenschaftlichen Ansätzen erschienen. Eine institutionalisierte

Rechtsextremismusforschung gibt es nicht und trotz der Vielzahl der Veröffentlichungen läßt sich kaum ein wissenschaftlicher Diskurs konstatieren.[überarbeiten]

 

 

2.1)   Definition Rechtsextremismus nach M. Veit [top]

Rechtsextremismus[61]:

"Zerstört wird die Demokratie im übrigen nicht durch Extremisten, sondern durch Phantomdemokraten."

Alwin Meyer/Karl-Klaus Rabe

 

In diesem Kapitel gehen wir von der Annahme aus, daß Rechtsextremismus keine Angelegenheit von "ewiggestrigen" Alt- bzw. Neunazis ist, auch nicht ein Phänomen von verführten Jugendlichen am Rande der Gesellschaft, die gerne saufen und Randale machen, Ausländer verprügeln und deren Häuser anzünden, aber im Grunde unpolitisch sind und ansonsten nicht wissen, was sie tun.

Solche Vorstellungen bewirken eine Verharmlosung des Rechtsextremismus. Wir sind vielmehr der Ansicht, daß er als politische Bestrebung und zunehmend auch als organisierte politische Kraft ernstgenommen werden muß. Er ist kein Randphänomen der bürgerlichen Gesellschaft und Politik in Europa, das im Gegensatz zu ihr steht. Vielmehr ist er eine ihrer Optionen. Der Rechtsextremismus reicht über verschiedene Vermittlungsstufen längst wieder bis in das Zentrum der bürgerlichen Gesellschaft.

Bereits Anfang der 80er Jahre wurde 13% der damaligen bundesdeutschen Wähler ein "geschlossenes rechtsextremes Weltbild" konstatiert. Die Wahlerfolge rechter (Österreich) und rechtsextremer Parteien in Frankreich (und bald vermutlich auch in Belgien) sowie die zeitweilige Regierungsbeteiligung der MSI in Italien zeigen, daß sehr viele Menschen in Europa deren politische gesellschaftliche und kulturelle Ziele teilen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, daß koalitionsfähig gemachte rechtsextreme Parteien in einigen Ländern Europas mitregieren werden.

Auch in der Bundesrepublik Deutschland ist rechtsextreme Politik sehr erfolgreich. Rechtsextreme Parteien wie die "Republikaner" (Reps) und die "Deutsche Volksunion" (DVU) sind mit der von der amtierenden Regierung durchgedrückten Änderung der Asylregelung und der Ausländergesetzgebung mehr als zufrieden. Sie haben auch allen Grund dazu. Herr Frey, der Vorsitzende der DVU, hat mehrfach öffentlich bekundet , daß er diese "Reform" als Erfolg seiner Politik gegenüber den Ausländern betrachtet.

Den Linken in der Bundesrepublik Deutschland wird von den regierenden Konservativen gelegentlich vorgeworfen, sie wollten eine "andere Republik". Daß dieser Wille bei den Rechtsextremen angesiedelt ist, ist bekannt. Ihnen ist der Parlamentarismus ein Greuel. Neuerdings melden sich aber Sprecher der wirklich Mächtigen in diesem Lande zu Wort und fordern weitgehende Änderungen des Grundgesetzes, die den Kern unserer bestehenden Verfassung treffen. So verlautbarte ein prominenter Sprecher der Deutschen Bank vor noch nicht allzulanger Zeit sinngemäß : Wenn das Grundgesetz die Wirtschaft an einer vernünftigen Konsolidierungspolitik (sprich weiterem Sozialabbau etc... d.V.) hindere, dann müsse man es eben ändern. Inzwischen legte Herr Henkel, der Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, in der Zeitung Die Woche noch etwas nach. Er forderte eine Verfassungsreform, um die "Anpassungsgeschwindig-keiten an die neuen Verhältnisse zu erhöhen". Den deutschen Bundespräsidenten forderte er auf, seinen Aufruf an die Deutschen um einen zweiten Teil zu ergänzen. "Und dieser müßte sich mit der Frage befassen, ob ein Land mit unserer föderalen Struktur, mit 16 Bundesländern, einem Verhältniswahlrecht, überhaupt die Chance hat, sich so schnell zu verändern wie andere." Daß mit dieser Forderung zwei wesentliche Elemente unseres gegenwärtigen politischen Systems in Frage gestellt werden, muß wohl nicht besonders hervorgehoben werden.

Wir wollen in diesem Kapitel auch auf diesen Zusammenhang hinweisen und zur Diskusion darüber auffordern. Dabei soll den TeilnehmerInnen unserer Seminare deutlich werden, daß der Rechtsextremismus zum Arsenal bürgerlicher Politik gehört und - das zeigt überdeutlich die jüngere deutsche Geschichte - daß die Mächtigen in dieser Gesellschaft sich nicht scheuen werden, ihn als ultima ratio für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, wenn es um die Erhaltung ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Machtpositionen geht.

Deutlich werden soll, daß es sich beim Rechtsextremismus um eine irrationale, zutiefst intolerante politische Ideologie handelt, die antidemokratisch, antiparlamentarisch, entsolidarisierend, fremdenfeindlich, rassistisch und antisemitisch ist und allen aufklärerischen Bestrebungen strikt entgegensteht

Wir möchten die Einsicht vermitteln, daß es notwendig ist, sich für den Erhalt der sozialen Erungenschaften zu engagieren, für eine solidarische Gesellschaft einzustehen, in der Einheimische und Ausländer einen Platz für ein gemeinsames Leben finden können.

 

 

Resumee

 

Wie schwierig eine objektive Kategorisierung des Begriffs Rechtsextremismus und seiner Ausfaltungen und Schattierungen fällt, zeigt der Umstand, daß selbst Protagonisten der "nationalen Szene" große Schwierigkeiten haben, Ihre Position genau zu bestimmen. So reflektiert Christian Rogler, es scheine, als ob der politische Gegner, " nicht genügend Phantasie aufbringt, um [   ] in mehr als nur die beiden Kategorien 'Rechtsextremist' und 'Neonazi' aufzuteilen und dann nicht einmal diese Unterscheidung konsequent durchzuhalten.

'Faschist' oder meinetwegen 'Neofaschist' oder 'Sozialfaschist' würde mir viel besser gefallen und den Kern der Sache besser treffen - auch wenn es zum Faschismus auch wieder 234 verschiedene Definitionen gibt und am Ende vielleicht doch nur das herauskommen kann, was Pierre Drieu La Rochelle gemeint hat, als er sagte: 'Ich bin Faschist geworden, um den Faschismus zu bekämpfen.'[62]

 

Will man die zentralen Anliegen und ideologischen Positionen der Neuen Rechten so, wie sie sich historisch entwickelt haben, fürs erste einmal im politischen Spektrum einordnen, dann kann man das wohl am besten mit dem Bild eines Scharniers tun, das diese Neue Rechte einerseits zwischen Konservativen, vor allem Neokonservativen, und andererseits eindeutig rechtsextremen Positionen bildet.

 

2.2)     Die Neue Rechte in der Bundesrepublik [top]

 

„Solange die Rechte als Ansammlung verkorkster Knicker-bockerträger auftrat und als reaktionär einzustufen war, stellte sie keine Gefahr dar. Wird sie aber künftig in der Lage sein, innovativ zu denken und zu handeln, wäre sie durchaus in der Lage, gesellschaftliche Bedeutung zu erlangen.“[63]

 

Zunächst muß festgestellt werden, daß der Begriff „Neue Rechte“, ähnlich wie „Konservative Revolution“ in der Weimarer Republik, eine Selbstbezeichnung[64] ist, der im Laufe der Entwicklung jedoch sehr wohl eine Existenzberechtigung als eigenständiger Begriff erhalten hat.

Die Bezeichnung Neue Rechte[65] steht für eine uneinheitliche Bewegung rechter Theoretiker und ihrer Anhänger, die sich seit Ende der 60er Jahre als geistig-politische Gegenbewegung zur „Neuen Linken“ verstanden. Sie ist kein isoliert deutsches, sondern ein europäisches Phänomen, deren Ausgangspunkt („Nouvelle Droite“) in Frankreich lag. Diese neue „Rechte“ und deren Anhänger orientieren sich an den Theoretikern der „Konservativen Revolution“, einer Gruppe von Intellektuellen, die als Vertreter des antidemokratischen Denkens in der Weimarer Republik bezeichnet werden.[66] Zu diesen Theoretikern gehören u.a. Edgar Julius Jung, der in seinem Buch „Die Herrschaft der Minderwertigen“ die politische Führung, die parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik kritisierte und Arthur Moeller von den Bruck, von dem die Formel „Am Liberalismus gehen die Völker zugrunde“ stammt. Neben diesen beiden und vielen anderen, muß der Staatsrechtler Carl Schmitt mit seiner Forderung nach Homogenität der Gesellschaft und seiner Freund-Feind Definition[67] der Politik Erwähnung finden. Dieser Personenkreis und die mit ihnen verbundenen intellektuellen Zirkel, prägten das rechte antidemokratische und antiliberale Denken in der ersten Deutschen Republik und trugen somit eine Teilverantwortung bei deren Auflösung.[68] Nach deren Auffassung sollte die damals bestehende parlamentarische Demokratie im Sinne einer geistig-kulturellen Revolution überwunden werden. Die konkreten Vorstellungen dieser - auch „Jungkonservative“ genannten - Denkrichtung reichten bis zur Etablierung eines cäsaristisch-autoritären Systems, ähnlich dem des italienischen Faschismus.[69] So bekennt sich Armin Mohler, ein betagter heutiger Vertreter der Neuen Rechten und guter Kenner der „Konservativen Revolution“, freimütig als Faschist im Sinne italienischer und spanischer Prägung.[70] Entgegen dieser etatistisch - also am Bild eines starken Staates - ausgerichteten Denkschule wollen „Nationalrevolutionäre“ mit dem politisch-kulturellen „Westen“ brechen und streben einen „Neuen Nationalismus“ an.[71] Beide Ideologievarianten wenden sich somit gegen Grundprinzipien der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Teile der Neuen Rechten und „Nationalrevolutionäre“ zielen darauf ab, den demokratischen Verfassungsstaat zu delegitimieren. Zunächst suchen sie die politisch-intellektuelle Debatte, um dadurch langfristig die Meinungsführerschaft zu gewinnen.

Der widersprüchliche Begriff der „Konservativen Revolution“ war dabei Programm: der Konservativismus der „Konservativen Revolution“ war nicht rückwärts gewandt und wollte auch keine geschichtlich überwundenen Verhältnisse wiederherstellen, sondern einen national-revolutionären, geistig-politischen Prozeß in Gang setzen, um überhaupt erst in einer vom „Liberalismus zersetzten Welt Verhältnisse [zu, HS] schaffen und Werte hervorzubringen, die der Bewahrung wert sind.[72]

Nach der „deutschen Katastrophe“ (Friedrich Meinicke) und dem totalen Zusammenbruch Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg, ging der Impuls zur Wiederherstellung der Ideen der „Konservativen Revolution“ nicht von Deutschland, sondern von Frankreich aus. Der Publizist Alain de Benoist[73] gründete 1968 die neue „rechte“ Denkschmiede G.R.E.C.E. (Groupement de Recherche et d'Etudes de la Civilisation Europeene = Forschungs- und Studiengruppe für die europäische Zivilisation).[74]

Die Neue Rechte in der Bundesrepublik bildete sich ab 1964 in einem langsamen Ablösungsprozeß von der expost zu bezeichnenden sogenannten „Alten Rechten“ (z.B. der NPD) heraus.[75] Sie war von Beginn an in eine Vielzahl unterschiedlicher Strömungen und Gruppierungen zersplittert, was sie vor allem von der Nouvelle Droite in Frankreich unterscheidet.[76]

Die Herausbildung einer neurechten Ideologie erfolgte zunächst unter dem Einfluß von rechten Projekten und philosophischen Zirkeln, die bereits in den 50er und frühen 60er Jahren entstanden waren.[77]

Bis zu Beginn der 70er Jahre arbeitete die Neue Rechte, außer als Strömung innerhalb der Alten Rechten, in Basisgruppen (so an Universitäten) und kleinen, elitären Zirkeln.

Die Dynamik der für erforderlich gehaltenen theoretisch-programmatischen Neuorientierung resultierte aus der Auseinandersetzung der jüngeren, etwa nach 1930 geborenen Anhänger der Rechten mit den älteren Jahrgängen, welche maßgeblich in der Zeit des Nationalsozialismus sozialisiert und politisch geprägt wurden. Erstere sahen den bloßen „Gefühlsnationalismus“ der Älteren als überholt an, da es ihm an wissenschaftlicher Begründung mangelte. Dasselbe gilt ihrer Ansicht nach für viele Politkonzepte, wie z.B. den Revisionismus.[78] Trotz zunehmender inhaltlicher Differenzen engagierten sich „ältere“ und „jüngere“ Rechte überwiegend noch bis 1972/73 in den gleichen politischen Organisationen.

In der 1972 ins Leben gerufenen „Aktion Neue Rechte“ (ANR), die aus einer Abspaltung des radikalen NPD-Flügels um den damaligen bayerischen NPD-Vorsitzenden Siegfried Pöhlmann hervorging, sammelten sich auch Aktivisten der späteren Neuen Rechten. Es gelang diesen, die ANR in ihrem Sinn „nationalrevolutionär“ zu beeinflussen.[79]

Nach internen Spannungen gründeten die Neuen Rechten 1974 die „Nationalrevolutionäre Aufbauorganisation“ (NRAO). Diese teilte sich schnell in Anhänger des auf Strasser zurückgehenden Solidarismus-Konzepts und Vertreter eines Nationalen Sozialismus, der nationalrevolutionär durchgesetzt werden sollte. Die Anhänger der zuerst genannten Strömung spalteten sich ab und gründeten die „Solidarische Volksbewegung“ (SVB), worauf die nationalrevolutionäre Mehrheit eine Organisation mit dem Namen „Sache des Volkes - Nationalrevolutionäre Aufbauorganisation“ (SDV/NAO) initiierte.[80]

Beide Strömungen arbeiteten, gemäß der neurechten Taktik einer das ganze politische Spektrum umfassenden Querfront, aktiv in den neuen sozialen Bewegungen der 70er und Anfang der 80er Jahre, wie z.B. den frühen Grünen und anderen Umweltschutzorganisationen.[81] Dabei konzentrierte sich die nationalrevolutionäre Richtung insbesondere auf die Friedensbewegung, um ihr die Idee des Nationalen zu vermitteln. Die solidarische Strömung bezog sich demgegenüber auf die Ökologiebewegung.

Die umrissenen Vorschläge der Neuen Rechten zur „sozialistischen“ Veränderung ergänzen ihre Überlegungen zur Neuordnung Europas. Ebenso, wie es trotz einiger invarianter Elemente, viele „Volksgemeinschaften“,[82] entsprechend der Zahl der Völker gibt, so existieren auch verschiedene Sozialismen: Alle Völker verwirklichen den ihnen gemäßen Sozialismus.[83]

Das Ziel des „Nationalen Sozialismus“[84] muß vom ganzen Volk umgesetzt werden, nicht, wie im Marxismus, vorrangig durch die Arbeitermasse. Das Volk erscheint somit als das eigentliche revolutionäre Subjekt.

Obwohl im Sozietätstrieb eine natürliche Grundlage des Volkssozialismus angenommen wird und dieser damit aus neurechter Sicht an sich schon die beste Gesellschaftsform darstellen müßte, begründen die Vertreter der Neuen Rechten denselben oft mit der größeren Widerstandskraft des Volkes gegen äußere Bedrohungen.[85]

Weiterhin stimmen „Konservative Revolution“ wie Neue Rechte in der Vorstellung eines „volksspezifischen“ Sozialismus überein. Moeller van den Bruck stellt diesbezüglich fest, verbunden mit einer Kritik der Arbeiterbewegung: „Jedes Land hat seinen eigenen Sozialismus. Die deutschen Arbeiter glauben es immer noch nicht. Das ist deutsch.[86]

Beide Strömungen messen dem Staat für die Schaffung ihres „Sozialismus der Volksgemeinschaft“ eine zentrale Bedeutung bei. Auch bei der „Konservativen Revolution“ impliziert dies insbesondere staatliche Maßnahmen im Bereich der Wirtschaft, um übergeordneten gemeinschaftlichen Zielen Geltung zu verschaffen.[87] Zusammenfassend läßt sich für die Neue Rechte bestimmen, daß sie die „Konservative Revolution“ als Ideenspeicher (Kurt Lenk) nutzte.

 

2.2.1)  Einordnung der Neuen Rechten in die politische Landschaft [top]

Durch die spätestens seit Mitte der achtziger Jahre in Deutschland auf intellektueller Ebene feststellbare Auflösung der Grenzziehung zwischen Erscheinungsformen des Rechtsextremismus und Spielarten des Konservativismus muß eine eindeutige Positionsbestimmung scheitern.[88] An dieser Stelle soll keine theoretische Auseinandersetzung der vorhandenen Meinungen stattfinden, die die Neue Rechte eben nur als Spielart des Rechtsextremismus interpretieren und aufgrund der Selbstbezeichnung diese immer mit Anführungsstrichen versehen.

Im Gegensatz zum altrechten Extremismus in den Erscheinungsformen des NS-Apologetismus, Neonationalsozialismus oder Revisionismus bewegen sich die im öffentlichen Interesse stehenden Vertreter der Neuen Rechten „zumindest taktisch noch im Umkreis der verfassungsmäßig garantierten Meinungsfreiheit“.[89]

Auf publizistischer Ebene gibt es eine Erosion in der Abgrenzung zwischen demokratisch-konservativen und rechtsextremen Intellektuellen.[90]

Die Wahlerfolge von rechtsextremen Parteien erwiesen sich gemäß diverser Verfassungsschützer mittlerweile weitgehend als Strohfeuer.[91] Infolge ihrer internen Querelen, personeller Inkompetenzen und medialer wie politischer Bekämpfung, gelang es den Parteien meist nicht, sich dauerhaft in Kommunalvertretungen und Länderparlamenten zu etablieren. Lediglich in Baden-Württemberg erreichten die Republikaner bei der Landtagswahl 1996 den Wiedereinzug in ein Länderparlament. Die Deutsche Volksunion (DVU) erzielte nach einem „Phantomwahlkampf“ in Sachsen-Anhalt 1998 12,6 Prozent.

Die wesentlichen neonazistischen Organisationen sind durch konsequente Ausnutzung der rechtlichen Möglichkeiten als Vereinigungen verboten worden.[92] Großaufmärsche, die gerade in diesem Bereich des politischen Spektrums zur Selbstdarstellung dringend benötigt werden, konnten in jüngster Zeit infolge der Sensibilisierung von Polizei- und Ordnungsbehörden unterbunden werden, wobei vor allem die neuen Kommunikationstechnologien zur Organisation der großen Demonstration in München im März 1997 genutzt wurden, die man als größte neurechte Manifestation interpretieren kann, da dort die Erosion zwischen rechten Demokraten und Verfassungsfeinden unmittelbar wurde: Dort demonstrierten Junge Nationaldemokraten, andere NPD-Angehörige neben Mitgliedern vom Bund Freier Bürger und CSU.

Diese Entwicklung begünstigt eine kritischere Variante des Rechtsextremismus, die weitgehende Etablierung der „Neuen Rechten“ in der politischen Landschaft. Die plumpe Bezugnahme auf den Nationalsozialismus durch die Neonazis und die unorganisierte - aber medienwirksame militante Fremdenfeindlichkeit - lenkte von den Ideen der Neuen Rechten ab, deren Strategie darauf abzielt, ihre Verfassungsfeindlichkeit zu verschleiern, um als „harmlose“ Konservative salonfähig zu werden. [93]

Es sind drei strukturelle Übereinstimmungen im Diskurs der Neuen Rechten zu attestieren:

·      die starre Fixiertheit auf eine Reihe von „erhabenen“ Kollektivbegriffen, die zum Teil ohne mit Inhalt gefüllt zu werden („Metapolitik“), ein substantielles Fundament bilden. Dazu gehört auch „Europa“ als Sinnstifter und Identitätsangebot[94]

·      nicht die deutschnationalen und völkischen Verirrungen der deutschen Geschichte werden als „Sonderweg“ interpretiert, sondern die „Rheinbundmentalität“[95] und Westfixierung der „Bundesrepublik“ wird zum Sonderweg erklärt, die „Berliner Republik, das wiedervereinigte Deutschland muß zur „Normalität“ zurückkehren[96]

·      als einigendes Band fungiert die Hinwendung zu einer radikal pessimistisch-kulturkritischen Anthropologie, die den Menschen als ein „Raubtier“ begreift, das nur durch strenge Bindung, Erziehung und autoritäre Strukturen in Schranken gehalten werden kann.[97]

Die neurechten Strömungen ziehen ihren Gewinn aus dem Manko der bundesrepublikanischen Gesellschaft und den Defiziten, wie sie oftmals nicht mehr vermittelbar sind: „(...) den oft kaum mehr rational auflösbaren Parteienstreit, medienträchtige Skandale, Korruption und Anzeichen einer um sich greifenden Selbstbedienungsmentalität“.[98] In diesem Zusammenhang als auch den Unwägbarkeiten der Zukunft gegenüber, setzt die Neue Rechte in all’ ihren Ausfaltungen „den Ruf nach der starken Hand eines autoritär geführten Staates“.[99]

Daß die Forderungen nach „Normalität“ mittlerweile im gesamten politischen Spektrum mehr oder wenig deutlich gestellt werden, erscheint kein Beweis für die Erlangung von mehr Einfluß der Neuen Rechten zu sein, sondern eine Folge der steigenden Verantwortung der Bundesrepublik in Europa und der Welt.[100]

Seit dem Mauerfall[101] und spätestens der 1994er Initialveröffentlichung von Heimo Schwilk und Ulrich Schacht Die selbstbewußte Nation. „Anschwellender Bocksgesang“ und weitere Beiträge zu einer deutschen Debatte,

„(...) tritt heute eine modernisierte, intellektuell klüger gewordene Rechte in die Arena, besetzt Themen, schafft Berührungsflächen, um Debatten ins feindliche Lager zu tragen oder Tabuschwellen gegenüber der eigenen Ideologie zu senken. Während die alte Rechte Selbstbestätigung im Hinterzimmer betrieb, baut die `Neue Rechte´ Brücken ins bürgerliche Lager, weil sie in den Denkfabriken konservativer Ideologieplaner ein Wörtchen mitreden will".[102]

Zweifelsfrei bleibt jedoch festzustellen, daß es sehr wohl Protagonisten innerhalb der Neuen Rechten gibt, die sich selbst dieses Attribut nicht verleihen würden, ferner der demokratischen Rechten zuzuordnen sind (Klaus Rainer Röhl, Rainer Zitelmann, Alexander von Stahl) und doch durchaus neurechte Positionen vertreten.[103]

 

2.2.2)  Die neurechten Inhalte [top]

 

„Kennzeichnend für ihre Taktik ist der weitgehende Verzicht der  Autoren, ihr Fernziel zu nennen und die - aus ihrer rechtsextremistischen Sicht - folgerichtige Forderung nach Systemüberwindung konkret zu stellen.“[104]

 

Kern des Theorienmodells, das von Vertretern der französischen Neuen Rechten und deutschen Rechtsextremisten übernommen und zum Teil weiterentwickelt wurde, ist der Anspruch, völkische und nationalistische Ordnungs- und Wertvorstellungen intellektuell, ideologisch und wissenschaftlich zu untermauern und sodann als politisches Alternativmodell zu präsentieren und in konservativ-demokratischen Kreisen gesellschaftsfähig zu machen.[105] Die Anhänger der Neuen Rechten sehen sich in erster Linie als Wegbereiter und Vordenker gegen die herrschende Kultur und Zivilisation im allgemeinen und den zunehmenden Werteverlust, den „ausufernden“ Nihilismus, das Ausleben persönlicher Bedürfnisse, die „Wurzellosigkeit“, die „Atomisierung“ und den Identitätsverlust der Gesellschaft im besonderen. Politisch steht der Kampf gegen jede Form von „Gleichmacherei“, für die Liberalismus und Marxismus gleichermaßen verantwortlich gemacht werden im Vordergrund.

So heißt es gleich auf der Titelseite der Netzpräsenz des Thuleseminars:

(...) ZWEI IDEOLOGISCHE EXTREME IM DIENSTE EIN UND DESSELBEN UNIVERSALISMUS: Der ehemalige Bolschewismus und das liberale Modell sind wesensgleich: Oberstes Ziel ist in jedem Falle das Heraufkommen des Homo Oeconomicus - Der Liberalismus, der überlebende Zwilling des Kommunismus - ein wesensgleicher Anbedet des Wirtschaftsmonotheismus“[106]

 

Die Forderungen der französischen Revolution, „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, werden als politische Werte abgelehnt.[107] Die „Nouvelle Droite“ bemüht sich um den Beweis einer natürlichen „Ungleichheit des Menschen bzw. der Rassen“.[108] Es sei Fakt, daß die genetische Vielfalt nicht zu beseitigen sei.[109] Daher könne es auch keine gleichen natürlichen und unverlierbaren Menschenrechte geben. Der einzelne Mensch könne sein Recht allenfalls in einem begrenzten und genau festgelegten Rahmen einer bestimmten „staatlichen“ Ordnung erhalten, garantiert durch eine politische Macht, die nach den jeweiligen Gegebenheiten Recht setzt.

Damit d’accord gehend formuliert der Bund Freier Bürger, die einzige Partei, die im Rahmen dieser Abhandlung untersucht wird: Die Nation ist der geographische Ort der Demokratie. Ohne Nationalstaat gibt es keinen Sozialstaat.[110]

Oder wie es jüngst Karlheinz Weissmann ausdrückte: Es geht letztlich um die Frage der Legitimität. Die Quelle der Legitimität ist in der Demokratie der demos. Man kommt nicht umhin, dieses Volk in irgendeiner Weise zu bestimmen.[111]

Gegen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ setzt die Neue Rechte die Bindung an die Volksgemeinschaft,[112] die natürliche Ungleichheit der Menschen und Rassen[113] sowie den Gedanken sich selbst bildender, heldenhafter, zur Führung des Volkes berufener Eliten. Ihr Welt- und Menschenbild (unter „Ethnopluralismus“ subsumiert) geht davon aus, daß die in der genetischen Vielfalt wurzelnde Ungleichheit der Menschen nicht aufhebbar und jedes Individuum primär durch seine kulturelle und völkische Zugehörigkeit definiert sei. Die Existenz von allgemeingültigen Menschenrechten wird verneint.[114]

Wesentliches Element von Politik sei, sich von Moral freizuhalten und den Willen zur Macht bis hin zur Gewaltanwendung nach innen und außen zu verdeutlichen.[115] Macht und Herrschaft seien Teil der menschlichen Natur. Wie in der Natur gilt auch für den Menschen das „Recht des Stärkeren“ (Sozialdarwinismus).[116] Die Neue Rechte agiert nach dem Zusammenbruch des Kommunismus gegen die vorgebliche, politische, militärische und kulturelle Hegemonie der USA, die als Prototyp eines entwurzelten multiethnischen Einheitsstaates und Endpunkt des liberalkapitalistischen Individualismus betrachtet wird: „(...) KULTURKRIEG GEGEN DEN AMERICAN WAY OF LIFE: Amerika ist die eigentliche Wahlheimat von Karl Marx - Die One-World-Ideologie hat eine Schlacht verloren. Sie muß den Krieg verlieren! - Eine neo-primitive Gesellschaft – (...) Das ‘Thule-Seminar’ ruft alle Völker der Welt zum Kulturkampf auf gegen die alte und neue amerikanische ‘Weltordnung’ -  Die Neugeburt Europas hat schon begonnen.“[117]

In ihrer Grundeinstellung sind eine Vielzahl der Aktivisten und Anhänger der Neue Rechten nicht zwingend christlich - es sind antichristliche und neuheidnische Positionen anzutreffen. Das Thule-Seminar polemisiert auf seiner Homepage gegen das gleichmacherische „Judeo-Christentum“, denn:[118] „(...)Das Christentum war, ist und bleibt das Schlüsselglied des egalitären Unheils (...) - Plädoyer für eine polytheistische Philosophie - Die heidnische Auffassung des Lebens - Die unversöhnlichkeit [Fehler im Original, HS] von Polytheismus und Dualismus - Die neuen Götter stehen vor uns - Ein höherer Humanismus - Welche Alternativen? - Das XXI. Jahrhundert in der Morgenröte des Ethnos“.[119]

2.2.3)  Strategie der Neuen Rechten im vorpolitischen Raum [top]

 „Kurzfristiger politischer - nämlich parteipolitischer Erfolg - ohne metapolitische Dominanz, ohne ent­sprechende Kulturrevolution ist wertlos“[120]

 

Die Idee der Neuen Rechten versteht sich insgesamt als ein Zusammenspiel von unterschiedlichsten Gruppierungen und Einzelpersonen, die sich oft auf quasi-intellektuellem Niveau inhaltlich austauschen, die zum Teil dem Biologismus anhängen oder eher etatistisch geprägt sind, ohne selbst als eigenständige Organisation in Erscheinung zu treten. Sichtbar werden diese Gedanken inzwischen in einer kaum mehr überschaubaren Vielfalt von Zeitschriften, Magazinen, Büchern und den Aussagen von Theoriezirkeln und Gesprächskreisen. Die Neue Rechte will zunächst versuchen, zunehmend Einfluß auf den gesellschaftlichen Meinungsbildungsprozeß zu gewinnen und auf diese Weise Begriffe besetzen. Erst eine Vorherrschaft ihrer ideologischen Prinzipien bei der Definition von Politik, Staats- und Sozialwesen könne eine tatsächliche Übernahme der Macht in greifbare Nähe bringen. Vor der politischen Herrschaft steht also zunächst eine „Herrschaft in den Köpfen“.[121] Der von dem italienischen Marxisten Antonio Gramsci übernommene Theorie der kulturellen Hegemonie folgend,[122] verstehen sie sich nicht als Politiker oder aktionistische Widerstandskämpfer, sondern als Vordenker.[123] Man konzentriert sich auf „Metapolitik im Sinne eines nach rechts verdrehten Gramsci“.[124] Zuweilen werden die Grenzen zwischen konservativen Vorstellungen einerseits und extremistischen Ideologieelementen andererseits bewußt verwischt, um im Sinne vorgetäuschter Gemeinsamkeit auch extremistische Kritik an den bestehenden politischen Verhältnissen in Deutschland zu verbreiten.

Die Kampagnenthemen, die für einen derartigen „Brückenschlag“ aufgegriffen werden, sind u.a.:

·      Schutz der Wehrmacht vor angeblicher Verunglimpfung durch die Ausstellung „Vernichtungskrieg - Die Verbrechen der Wehrmacht 1941 - 1944“

·      Schutz der Bundeswehr vor Verunglimpfung nach rechtsextremistischen Vorfällen

·      die Europäische Union und die Einführung des EURO

·      Schüren von Ängsten vor dem Islam und den Moslems

·      die Rechtschreibreform.

Die Protagonisten formulieren in Andeutungen und nutzen die systemimmanenten Kritikansätze demokratischer Theoretiker wie von Arnim oder Scheuch. Hierzu greifen sie Diskurse und Themen der öffentlichen Debatte auf, insbesondere wenn diese sich im Sinne ihrer Fernziele ausbauen lassen (z. B. Kritik am gesellschaftlichen Einfluß der Parteien). Kennzeichnend für diese Taktik ist zudem der weitgehende Verzicht der Autoren, ihr Fernziel zu nennen und die - aus ihrer rechtsextremistischen Sicht - folgerichtige Forderung nach System­überwindung konkret zu stellen. Die Mehrheit der Publizisten und Zeitschriften der Neuen Rechten bleibt auf Distanz zu den rechtsextremistischen Parteien; man sieht nach wie vor den Schwerpunkt der eigenen Arbeit darin, die öffentliche Meinung in Deutschland zu beeinflussen. Die Zielsetzung dieser rechtsextremistischen Theoretiker beschreibt Klaus Kunze: Hauptwaffe ist der Tabubruch. Er ist der erste Schritt zur nötigen Umwertung der Werte. Diese beginnt mit dem gezielten Lächerlichmachen der gegnerischen Ideologeme, soweit diese nicht angeeignet und umgepolt werden können, wie z. B. das Demokratieprinzip.[125]

Ferner wird die Lagerzugehörigkeit verschleiert, man hofft auch von linken Nationalgesinnten akzeptiert und ernst genommen zu werden, indem man sich selbst als „’nonkonforme’ dritte Kraft, die weder rechts noch links, sondern vorn liegt“,[126] präsentiert. An exponierter Stelle, nämlich auf der Eingangseite ihres Angebots im World Wide Web, wird es durch das Thule-Netz wie folgt formuliert:

„Das Thule-Netz stellt sich vor: (...) der alte Streit zwischen ´rechts´ und ´links´, die soziale Frage betreffend, verliert an Kraft. Die offiziellen Rechten und Linken begeben sich zunehmend in eine ideologische Umarmung, der die politische auf den Fuß folgt: sie haben Gemeinsamkeiten entdeckt, was den Fortbestand der sogenannten westlichen Zivilisation betrifft, und zwar vor allem in den Bereichen ihrer machtstrukurellen, besonders ihrer egalitären, ökonomistischen und universalistischen ´Werte´.“[127]

 

2.2.4)  Vertreter der Neuen Rechten [top]

Als deutscher Ableger zur Nouvelle Droite versteht sich das 1980 in Kassel von Pierre Krebs[128] gegründete „Thule-Seminar“.[129] Das Thule-Seminar verfolgt rassistische, freiheits- und demokratiefeindliche Ziele und ist deshalb als rechtsextremistisch zu bezeichnen.[130] Einer der weiteren - eher selbsternannten - Vordenker der Neuen Rechten ist der Soziologe Dr. Reinhold Oberlercher,[131] Initiator und geistiger Kopf des „Deutschen Kollegs“ (DK).[132] Er tritt mit dem Anspruch auf, ein theoretisch fundiertes, in Programm und Strategie durchdachtes und praktisch durchsetzbares Staats- und Gesellschaftsmodell entworfen zu haben. Seinen Arbeitsschwerpunkt sieht Oberlercher derzeit in der Schulung der „jungen nationalen Intelligenz“,[133] die er bundesweit in Wochenendseminaren durchführt.

Oberlerchers neues staatliches Ordnungsmodell führt zur Abschaffung der individuellen Grund- und Menschenrechte. Der in seiner Würde und seiner persönlichen Freiheit geschützte Mensch steht nicht nur nicht mehr im Zentrum der verfassungsmäßigen Ordnung, er kommt darin nicht mehr vor; nur der „loyale Reichsbürger“.[134] Auch das Gleichheitsprinzip ist abgeschafft, als „Gleichmacherei“ ausdrücklich verboten. Einzige politische Größe mit Absolutheitsanspruch ist das „Deutsche Volk“ und das „Deutsche Reich“. Das Modell der pluralistischen, die allgemeinen Menschenrechte achtenden demokratischen Gesellschaft wird zugunsten einer ethnisch-kulturell homogenen, ständisch gegliederten und geistig gleichgeschalteten Gemeinschaft „loyaler“ Reichsbürger abgelöst.

Als Phänomen der Neuen Rechten ist die Junge Freiheit am stärksten in der Öffentlichkeit bekannt, die 1986 als zweimonatlich erscheinende Schüler- und Studentenzeitung gegründet wurde und mittlerweile als Wochenzeitung mit einer Auflage von ca. 10.000 Exemplaren erscheint. Sie zählt zu den führenden Theorieorganen, die sich intensiv mit dem Gedanken- und Ideengut der Neuen Rechten beschäftigt. Sie nahm für sich bis zur „Wende“ 1996 in Anspruch, als Organ einer intellektuellen Bewegung zu gelten, die sich an dem Gesellschaftsentwurf der „Konservativen Revolution“ orientierte und als hoffnungsvollstes, da medienträchtigstes, Projekt der Neuen Rechten galt. Die Junge Freiheit bezeichnet sich als konservative Wochenzeitung, die sich vorwiegend - parteipolitisch nicht gebunden - einer Vernetzung von nonkonformen und patriotischen Kräften in Deutschland verschrieben habe. Durch das unverdächtige Etikett „konservativ“ wird - laut dem Verfassungsschutzberichts des Bundes von 1996 - geschickt der zugrundeliegende Rechtsextremismus, im Sinne einer, die Demokratie delegitimierende und biologistisch geprägten Weltsicht, verschleiert.[135]

Nach Richtungsstreitigkeiten in der Redaktion und im Verlag wurde ein politischer Kurswechsel verkündet, der vom Chefredakteur als Durchsetzung des „konservativ-liberalen Impetus gegen die nationalrevolutionäre Komponente“ bezeichnet wurde.[136] Das Schlagwort der Konservativen Revolution, mit dem die JF lange warb, ist seines negativen politischen Beigeschmacks wegen bewußt zurückgenommen worden.

Nach dem erklärten Willen der JF-Veranwortlichen gehört zum politischen Grundverständnis des Blattes unabdingbar der Verzicht auf jegliche Form von NS-Nostalgie und Revisionismus. Platte Angriffe auf konstitutive Bestandteile der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, wie bei anderen rechtsextremistischen Parteien und Organisationen bekannt, finden sich bei der JF nicht. Stattdessen wird mit Anspielungen, Suggestionen und Vergleichen gearbeitet.[137]

Eine besondere Bedeutung kam den sogenannten „JF-Leserkreisen“ zu, in denen ohne organisatorische Anbindung an rechtsextremistische Vereinigungen für die Ideen der Neuen Rechten geworben und die Anhängerschaft verbreitert werden soll. Von diesen, auch der „Freien Deutschen Sommerakademie“, trennte man sich mittlerweile und verfolgt einen „rein“ konservativen Kurs, was innerhalb der Neuen Rechten und bei Rechtsextremisten nicht goutiert wird.[138]

 

2.2.5)  Intellektualisierung der Neuen Rechten [top]

Einen wesentlichen Beitrag zur Intellektualisierung und Modernisierung des Rechtsextremismus leistet die durch Theoriezirkel, Zeitungen, Verlage und Autoren repräsentierte Neue Rechte. Die Neue Rechte, die wie beschrieben ein Spektrum zwischen Rechtsextremismus und äußerstem rechten demokratischen Rand abdeckt, nutzt diese Berührungspunkte um subtil formuliertes - demokratie- und verfassungsfeindliches[139] - Gedankengut in zumeist konservative Institutionen einzubringen.

Vor dem Hintergrund der Fortschritte der europäischen Vereinigung, aber auch der zunehmenden sozialen und gesellschaftlichen Probleme in der Bundesrepublik nimmt der Nationalismus als Gegenpol zu dieser Entwicklung eine zentrale Rolle in der rechtsextremistischen Agitation ein. Der Nationalismus wird als zukunftsträchtige Ideologie und als einzig erfolgversprechende Alternative zur Lösung der innen- und außenpolitischen Probleme angesehen. Mit dieser Ideologie wird nach rechtsextremistischer Auffassung das Nationalbewußtsein der Deutschen gestärkt und „ihre nach dem 2. Weltkrieg durch die Alliierten aufgezwungene Umerziehung und Büßerhaltung“ überwunden.[140] Mit nationalistischen Thesen sollen die EU und die Einführung des EURO bekämpft und für ein Europa der Vaterländer geworben werden. Weiterhin werden von Rechtsextremisten Gebietsforderungen zur Wiederherstellung des Deutschen Reiches erhoben.[141] Während die Rückgabe der ehemaligen deutschen Ostgebiete in einer wenig verklausulierten Form bei den Rechtsextremisten von NPD oder BFG durchgängige Forderung ist, werden auf neurechter Seite auch globalere Modelle, wie die Vereinigung aller deutschsprachigen Gebiete in Europa, vertreten.[142]

Der Nationalismus im Inneren trägt antiliberale, antikapitalistische und antidemokratische Züge. In ihm vereinigen sich Fremdenfeindlichkeit, Polemik gegen Überfremdung durch eine multikulturelle Gesellschaft in Deutschland gegen Rassenmischung und den angeblich drohenden Volkstod und die Agitation gegen fremde Kultureinflüsse.[143] So problemgeladen eine multikulturelle Gesellschaft auch sein mag, so bedeutet „Ethnopluralismus“ in neurechter Lesart, eine parallele Existenz von ethnisch homogenen Gruppen in getrennten Räumen. Letztlich verneint diese Auffassung den Gleichheitsgrundsatz des Artikel 3 des Grundgesetzes und führt - in letzter Konsequenz - zu einer Apartheitspolitik. Die sozialen und gesellschaftlichen Probleme werden genutzt, um die hier legal lebenden Ausländer zu Sündenböcken nahezu aller Probleme zu stempeln und ihre Ausweisung als Lösung anzubieten.

Bei diesen Themen paart sich der Nationalismus mit Biologismus. Weit verbreitet ist die These von der Überlegenheit der nordischen Rasse. Der im Nationalsozialismus konzipierten Rassenlehre stimmen auch heute noch viele Rechtsextremisten zu.[144] Rassismus in „moderner“ und damit auch moderater Form, hält im neurechten Theoriegebäude unter dem Begriff „Ethnopluralismus“ Einzug und wird verbreitet. Damit hat sie direkte Auswirkungen auf Parteiprogramme, wie z.B. dem des Bundes Freier Bürger. Er versteckt sich hinter moderat klingenden Grundbegriffen und verkleideten Formulierungen, die nicht auf Anhieb als extremistisch erkennbar sind. Seine Grundsubstanz und Gedankenstruktur haben sich jedoch kaum gewandelt.[145]

“Neonazi” - das ist ein verrauchtes Hinterzimmer eines drittklassigen Gasthauses, das ist abgestandenes Bier, das sind ein paar schwitzende, bleiche Gesichter mit verquollenen Augen, die irgendwelche Parolen brüllen. Also so etwas habe ich doch wirklich nicht nötig.[146]

 

2.3)   Populismus / Rechtspopulismus der 80er und 90er Jahre [top]

Unter Populismus wird in den Sozialwissenschaften ein spezifischer Politikstil verstanden.[147] Politische Organisationen greifen auf diesen zurück, um sich eine größtmögliche Unterstützung in der Bevölkerung für ihre Ziele zu sichern. Dies schließt teilweise die Aufforderung an die Menschen ein, für diese Ziele selbst aktiv zu werden.

Populistische Akteure beziehen sich bei ihrem politischen Vorgehen auf „das Volk“, welches sie zu bestimmten Anlässen in unterschiedlichen Formen anrufen.[148] Dieses stellt eine Konstruktion dar, weil es, im Gegensatz zur empirischen Bevölkerung, als eine Einheit, als „homogener Körper“ vorgestellt wird. Populistische Gruppierungen lehnen es ab, Politik an einzelne Klassen, Altersgruppen etc. zu adressieren. Deshalb negieren sie auch unterschiedliche soziale Interessen und Werte. Der Populismus konstruiert das Volk nicht nur als Einheit bzw. organische Ganzheit, sondern ordnet ihm auch alle als positiv betrachteten Werte, Verhaltensweisen und Absichten zu. In der Vorstellung populistischer Akteure besteht das Volk aus einfachen, fleißigen, realistischen und ehrlichen Menschen. Als diesem gegenüberstehend nehmen sie verschiedene „Volksfeinde“ wahr. Dabei handelt es sich meist um nationale Eliten, aber auch internationale Organisationen aus Politik und Wirtschaft, religiöse Zusammenschlüsse usw. können hierunter fallen. Populistische Organisationen konstruieren eine Dichotomisierung zwischen einem unterdrückten „guten Volk“ und „bösen Volksfeinden“.[149] Alle sozialen und politischen Probleme führen sie auf das Wirken dieser dem Volk feindlich gesonnen Kreise zurück, wobei sie auf deren Inkompetenz, Machtversessenheit, Eigensüchtigkeit etc. verweisen.

Populistische Bewegungen geben vor, für das Wohl des Volkes mit aller Kraft zu kämpfen. Sie verstehen sich quasi als ein Instrument des Volkes. In diesem Zusammenhang nehmen populistische Akteure für sich in Anspruch, den einheitlichen „wahren“ Volkswillen zu kennen. Sie greifen die verschiedensten (alltäglichen) Denkmuster, Überzeugungen, Gefühle, Ressentiments, politischen Wünsche und Ursachenzuschreibungen für soziale Vorgänge bzw. Probleme, die real in der Bevölkerung existieren (und sich dabei permanent verändern), für ihr politisches Vorgehen auf.[150] Dieses vielfach irrationale Potential wird von populistischen Akteuren aus strategischen Gründen im Rahmen von Botschaften verstärkt, emotional aufgeheizt und durch geeignete Begriffe sowie umfassendere „Ideologiebausteine“ in mehr oder weniger kohärenter Weise verdichtet. Dabei kommt es zur Konstruktion von Feindbildern bzw. Sündenböcken, welche die gesamte Verantwortung für reale oder vermeintliche Fehlentwicklungen trifft. Die Begriffe und ideologischen Muster weisen eine rechte oder linke Ausrichtung bzw. Logik auf, wodurch der politische Standort des populistischen Akteurs (bzw. der konkreten populistischen Botschaft) bestimmt wird. Mit der beschriebenen Vorgehensweise sollen die Menschen möglichst eng an die populistischen Akteure gebunden werden, um sie bei bestimmten Gelegenheiten, z.B. Wahlen, zu unterstützen. Zugleich begründen diese mit dem Verweis auf die Mentalitäten des Volkes ihre programmatischen Forderungen.

Populistische Organisationen präsentieren sich „antielitär“.[151] Sie nehmen eine betont anti-intellektuelle Haltung ein und greifen oft auf die „Alltagssprache“ der Bevölkerung zurück. Populistische Akteure verzichten bei der politischen Arbeit, gegenüber „ihrem“ Volk, auf die theoretische Erläuterung erkannter sozialer Probleme bzw. komplexer gesell-schaftlicher Fehlentwicklungen.

Populistische Organisationen bevorzugen eine direkte, unvermittelte Beziehung zum Volk.[152] Als Ursache für die Entstehung bzw. Stärkung populistisch auftretender politischer Bewegungen gelten abrupt ab-laufende Modernisierungsschübe.[153]

Seit Mitte der 80er Jahre wird in den Sozialwissenschaften der (erneute) Aufstieg eines Rechtspopulismus konstatiert. Dabei handelt es sich zunächst um ein europäisches Phänomen. Mit Beginn der 90er Jahre breitet er sich international aus, wobei rechtspopulistische Parteien etwa in Kanada, Indien und Australien wahlpolitisch an Einfluß gewinnen.[154] Nach Hans-Georg Betz kennzeichnen den (europäischen) Rechtspopulismus der 80er und 90er Jahre drei Merkmale:[155]

·        Kritik des politischen Establishments

·        Neoliberalismus / Neoindividualismus

·        Einwanderung

Dem zuerst genannten Komplex kommt dabei die vergleichsweise größte Bedeutung zu.

Die Forderungen und Agitationsschwerpunkte rechtspopulistischer Organisationen ändern sich relativ schnell, in Abhängigkeit von der Konjunktur politischer Diskurse in der Gesellschaft.[156] Die rechts-populistischen Parteien werden meist von charismatischen Persönlich-keiten geleitet, die rhetorisch außerordentlich versiert sind. Sie nutzen die Medien, speziell das Fernsehen, für den Transport ihrer politischen Botschaften. Dabei kommt ihnen die dem Medium inhärente Tendenz zur Personalisierung und plakativen Vereinfachung politischen Geschehens entgegen. Hier präsentieren sie sich als der „Retter“ des Volkes, der konsequent gegen die herrschenden gesellschaftlichen Zustände ankämpft.

Die bei Wahlen zunehmend Erfolge verbuchenden rechtspopulistischen Parteien, wie z.B. der „Front National“ in Frankreich, „Vlaams Blok“ in Belgien oder die FPÖ in Österreich werden teilweise als Manifestation des Rechtsextremismus angesehen.[157] Hans-Georg Betz ordnet, wie andere Autoren, die rechtspopulistischen Gruppierungen zwar dem rechten politischen Spektrum zu, betrachtet sie aber nicht als rechtsextrem. Er begründet seine Auffassung wesentlich damit, daß die rechtspopulistischen Parteien die demokratischen Verfassungsordnungen in den verschiedenen Ländern nicht abschaffen wollten, trotz ihres Eintretens für grundlegende Veränderungen des politischen Systems.[158]

 

2.4)   Die europäische Vision der extremen Rechte [top]

Europäische Verflechtungen von Rechtsextremisten setzen ein Konzept, eine Idee voraus, die von allen Beteiligten als Minimalkonsens akzeptiert wird und die Handlungsbasis darstellt. Gleichzeitig muß dabei berücksichtigt werden, daß nicht die eine Europäische Vision propagiert wird, sondern es daneben auch abgeschwächte oder stärkerere Form gibt.

Motor der Europäischen Idee ist der Gedanke, Europa zu einer dritten Weltmacht, bzw. Supermacht zu machen, die unter Vorherrschaft der weißen Rasse stehen soll. Diese Form des "Euro-Chauvinismus" richtet sich gegen fremde Kulturen und Länder (insbs. afrikan., asiat. und Turkvölker), gegen das bürgerliche Parteienspektrum, sowie gegen die europäische Integration in der jetzigen Form.

In diesem Szenario wird einer multikulturellen, multirassischen Gesellschaft der Kampf angesagt, will sich Volk, Rasse, Kultur und Nation nicht selbst zerstören. Die Entwicklung hin zu einer "multikulturellen Zukunftsgesellschaft" widerspricht den rechten Vorstellungen von der menschlichen Natur und der Ungleichheit der Menschen. Die natürliche Hierarchie innerhalb des Volkes, die Erhaltung der Völker als "genetische Isolate" und die lebensgesetzliche Daseinsform der Unterordnung erfahren innerhalb dieser europäischen Variante die Schwerpunktsetzung.

Angestrebt wird ein völkischer Pluralismus im europäischen Wertesystem, wobei die abendländische Kultur die ideologische Grundlage eines "Europa der Nationalstaaten",oder "Vaterland Europas" bildet. In dem avisierten Europa der extremen Rechte liegt der Sinn der Abschottung in der Schaffung einer eigenen europäischen kulturellen Identität (sog. Kulturrassismus).

Da Europa aber nur als Dach für diverse ethnische Gruppen dienen soll, werden infolgedessen innerhalb der rechtsextremen Europa-Ideologie Prioritäten gesetzt. Aus der Sicht deutscher Rechtsextremisten steht an erster Stelle "alles überragend" die Überlebenssicherung für das deutsche Volk. Unmittelbar danach folgt die Rettung des Lebensraumes Deutschland. Und erst an dritter Stelle findet sich die Wiederherstellung eines Reiches der Deutschen in einem wie immer gearteten Verband europäischer Völker.

Inhaltliche Kontroversen liefert sich die europäische Rechte mit Rechtsextremisten, die die ethnozentristische Variante ablehnen. Da der verstärkte Rekurs auf eine europäische kulturelle Identität zwangsläufig die biologistische und rassistische Argumentation abschwächt, werden völkische und rassistische Traditionslinien immer mehr der Europäischen Vision angepaßt. Diese Entwicklung beäugt ein Teil der Alten Rechten in Europa mißtrauisch.

 

2.5)   Zusammenfassung [top]

Die Neue Rechte in Deutschland hat bisher keine einheitliche Ideologie hervorgebracht. Konzepte der neuen Rechten stellen nur einen ideologisch-theoretischen „Minimalkonsens“ dar, der in Teilaspekten Einzug in die Mehrheitskultur gehalten hat. Weiterhin wendet sich die Neue Rechte scharf gegen die früheren Formen altrechter Politik, um sich schließlich völlig von ihnen zu distanzieren. Die jeweils „alten Rechten“ werden als politikunfähig und rückwärtsgewandt angesehen. Doch auch das Konzept der Auflösung der Gegensätze von Rechts und Links, wie dies das Thule-Netz, Dr. Alfred Mechtersheimer und auch der JF-Chefredakteur Dieter Stein wünschen,[159] vor allem um Felder im vorpolitischen Raum zu besetzen und Diskussionsrichtungen vorzugeben, wird nicht von allen neurechten Publizisten als erstrebenswert interpretiert. So veröffentlichte Richard Herzinger im WWW:[160] „Die Meinungsführerschaft der 68er in intellektuellen Angelegenheiten scheint auch die oft beschworene Paradigmenwende von 1989 weitgehend unbeschadet überstanden zu haben. Den einen oder anderen 68er Linken auf seine Seite zu ziehen ist heutzutage selbst für die konservative Rechte von größter Attraktivität geworden. Daß die Rechte sich eigentlich nur dann Hoffnung auf breitere Resonanz in der kulturellen Elite machen kann, wenn sie sich an irgendeine spektakuläre "konservative Wende" eines Großkopfeten der Linken anhängt und gleichsam vampiristisch deren Nimbus als Tabubrecher anzapft - die rechtskonservativen Vereinnahmungsversuche von Martin Walser und Botho Strauß[161] sind die schlagendsten Beispiele dafür -, beweist eindrucksvoll, wie stabil die Hegemonie der alt gewordenen Neuen Linken von einst noch immer ist.[162]

Die wichtigsten Konzepte der Neuen Rechten weisen in vielen Aspekten deutliche Gemeinsamkeiten mit den Vorstellungen der „Konservativen Revolution“ auf. Nicht selten werden sogar identische Begriffe benutzt.

Weil der Schwerpunkt der politischen Arbeit der Neuen Rechten weit bis in die 80er Jahre hinein darauf beruhte, die in der Gesellschaft vorherrschenden Werte zu bekämpfen, dafür aber eigene Begriffe nötig sind, lag es nahe, diejenigen der „Konservativen Revolution“ zu übernehmen. Das gleiche gilt für komplexere Argumentationsmuster, wie z.B. die Liberalismuskritik.

In den 80er Jahren nähert sich die Neue Rechte in einem bis dahin deutlich anders gesehenen Konzept der „Konservativen Revolution“ an. Sie gibt die bisher biologistisch verstandenen Begriffe des Volks und der Volks-Identität zugunsten einer kulturellen Fundierung - vom faktischen zum normativen - auf.[163]

Die Neue Rechte war bei der Erneuerung rechter und rechtsextremer Ideologien erfolgreich. In fast allen Programmatiken und Erklärungen rechter Parteien oder  Gruppen, angefangen von Äußerungen der Hardliner innerhalb der CSU zu den Parteiprogrammen von Republikanern und dem BFB über NPD / DVU bis ins neonazistische Lager, lassen sich mittlerweile Ideologieansätze der Neuen Rechten finden.[164]

Besonders gilt dies für die Konzepte der „Völkischen Identität“ und des Ethnopluralismus. Da diese Ansätze fortschrittlich klingende Aspekte enthalten, konnte die Neue Rechte auch in gesellschaftlichen Milieus Aufmerksamkeit gewinnen, die sonst rechter Politik nicht zugänglich sind.[165]

Diese Strömung der politischen Rechten betont die Notwendigkeit, mit Hilfe der von ihnen ausgearbeiteten neuen Konzepte, die „geistige Verfassung“ der Gesellschaft, d.h. die herrschenden Weltbilder, Werte usw. zu verändern. Dies erscheint ihnen als Voraussetzung weitergehender politischer Veränderungen in Richtung „Volksgemeinschaft“.

Die Neue Rechte ist damit entgegen anderer Theorien[166] in dieser Untersuchung der Ausdruck und Sammelbegriff für die Verwischung der Abgrenzungsgrenzen zwischen Demokraten und Extremisten - sie ist das Brückenspektrum zwischen Wertkonservativen und Extremisten und in dieser Bedeutung mithin als rechtsextrem zu qualifizieren, wobei nicht jeder in neurechten Ideenschmieden Aktive ein Rechtsextremist ist und Einzelmitglieder dieser Gruppen sehr wohl noch auf dem Boden der demokratischen Verfassung und freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen. Dies läßt sich im Verlauf der Untersuchung an den Betrachtungen der WWW-Inhalte ablesen.

 

 

3)      Kampagnethemen [top]

3.1)   (Was eint und trennt die unterschiedlichen rechten Kräfte?) [top]

Hier erfolgt die Darstellung (des Versuchs) der Überwindung alter Auffassungen, wie sie z. B. Sleipnir propagiert, nämlich durch Schaffung einer sogenannten Querfront zwischen nationalen Kräften (Röhler, Mechtersheimer) linker und rechter Provenienz, des Zusammenführens uneinheitlicher Ansichten (Nation Europa, Staatsbriefe), sowie der Überwindung des neurechten "Mainstreams" à la Junge Freiheit von weiter rechts stehenden Gruppen. Daneben wird die Kooperation bis dato nicht zusammenarbeitender Kräfte (z. B. die Rede Horst Mahlers auf dem NPD-Parteitag in Baden-Württemberg) aufgezeigt und die Resonanz im Netz bewertet.

3.2)   Kampagnethemen (Beispiele)

·         Holocaust-Denkmal

·         NATO-Angriff auf Jugoslawien

·         Schutz der Wehrmacht vor angeblicher Verunglimpfung durch die Ausstellung „Vernichtungskrieg - Die Verbrechen der Wehrmacht 1941 - 1944“[167]

·         Schutz der Bundeswehr vor Verunglimpfung nach rechtsextremistischen Vorfällen

·         Die Europäische Union und die Einführung des EURO

·         Schüren von Ängsten vor dem Islam und den Moslems

·         Doppelte Staatsbürgerschaft

·         Latenter Antisemitismus (Entschädigungszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter)

·         Überfremdung der deutschen Sprache durch Anglizismen

·         Aktueller Finanzskandal der CDU

·         Schwarz-blaue Koalition in Wien

 

Der kommerzielle Aspekt - ein rechter eCommerce quasi - wird beleuchtet; insbesondere der Versandhandel mit strafrechtlich relevanten Artikeln spielt eine Rolle: Rechtsextremisten präsentieren ihr z. T. schwer beschaffbares Sortiment (Bücher, CDs - teilweise mit Hörproben -, Videos, Fahnen, T-Shirts, Devotionalien usw.) im WWW, häufig verbunden mit einer Online-Bestellmöglichkeit.

 

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Ganz neu: Der Finanzskandal der CDU

Ganz neu: Der Finanzskandal der CDU

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·        Holocaust-Denkmal

·        NATO-Angriff auf Jugoslawien[168]

·        Schutz der Wehrmacht vor angeblicher Verunglimpfung durch die Ausstellung „Vernichtungskrieg - Die Verbrechen der Wehrmacht 1941 - 1944“

·        Schutz der Bundeswehr vor Verunglimpfung nach rechtsextremistischen Vorfällen

·        Die Europäische Union und die Einführung des EURO

·        Schüren von Ängsten vor dem Islam und den Moslems

·        Doppelte Staatsbürgerschaft

 

 

Kapitel 4 fehlt noch – total reduzieren – geschichte des internets

 

5)      Analyse ausgewählter rechtsextremistischer WWW-Präsenzen in Deutschland und Österreich [top]

 

5.1.1)  Beginn rechtsextremistischer Präsenz in Deutschland und Österreich  [top]

Zu Beginn des Jahres 1996 erröffneten die österreichischen Revisionisten Kurt Peter Weiß und Franz Swoboda eine Homepage im Internet, in der der Holocaust geleugnet und antisemitische Propaganda betrieben bzw. Links zu bekannten "revisionistischen" Personen und Organisationen wie Ernst Zündel, IHR und CODOH angeboten wurden. Auf eine Anzeige des DÖW reagierte die Staatsanwaltschaft Wien nicht, mit der Begründung, daß durch die Internet-Homepage die im Verbotsgesetz geforderte Öffentlichkeit nicht gegeben wäre.[169] In der Bundesrepublik ist die vermeintliche oder reale Bedrohung - zumindest das Vorhandensein - dieser Inhalte seit 1995 ein Thema.[170]

 

Die Auftritte im einzelnen:

Deutschland

·         Junge Freiheit

·         Sleipnir

·         Deutsches Kolleg

·         Staatsbriefe

·         Nation & Europa

·         Thule-Seminar

·         Konservativer Gesprächskreis Hannover e.V.

·         Deutschland-Bewegung / Friedenskomitee 2000

·         Thule-Netz

·         Nordland-Netz

·         Deutsche Heidnische Front

·         Deutsche Konservative

·         Bewegung Unser-Land

·         Storchennest

·         Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD)

·         Horst Mahler

·         Signal

·         NIT

 

Österreich

·         Aula

·         Ostara

·         Nordische Zeitung

·         Wiener Nachrichten Online

·         Bürgerschutz

·         Der Grenzgänger

·         Zur Zeit (österr. Pendant zur Jungen Freiheit)

·         fakten

 

Einspielungen aus dem Ausland mit Bezug

·         Zündel

·         Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung ( VffG )

·         Radio Islam

 

Die Neue Rechte ist seit dem November 1996 mit ersten Angeboten im WWW vertreten.[171] Die Schulungseinrichtung „Deutsches Kolleg“ stellt sich vor, veröffentlicht Kontaktanschriften und wirbt um Teilnehmer. Außerdem wird die Schulungsmappe „Die Neuordnung Deutschlands“ mit dem Einführungskurs „Reichsbürgerkunde“ eingestellt, die auch in gedruckter Form erhältlich ist. Sie enthält Aufsätze des Rechtsextremisten Reinhold Oberlercher, die teilweise schon früher in der rechtsextremistischen Monatsschrift „Staatsbriefe“ abgedruckt waren.

Der „Konservative Gesprächskreis Hannover e.V.“, der selbst seine Gründung als Leserkreis der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ beschreibt, versucht, im WWW - entsprechend der Konzeption der „Neuen Rechten“ - auf die öffentliche Meinung über ein neues Medium einzuwirken.

Laut der Beobachtung durch den Verfassungsschutz aber auch der Begriffsbestimmung in Abschnitt 1 und 2 werden folgende Präsenzen der Neuen Rechten zugeordnet und näher betrachtet:

•Junge Freiheit

•Sleipnir

•Deutsches Kolleg

•Staatsbriefe

•Nation & Europa

•Thule-Seminar

Wenn auch nicht alle der oben aufgeführten Zeitschriften resp. Zirkel über eine eigene Präsenz im World Wide Web verfügen, so sind zumindest deren Stammautoren in anderen Projekten involviert. Ob der geistigen Nähe und ihrer exponierten Brückenkopffunktion werden zusätzlich die Internetinhalte folgender Gruppen untersucht:

Deutschland-Bewegung / Friedenskomitee 2000

•Thule-Netz

•Nordland

Der Bund Freier Bürger wurde in die Analyse mit aufgenommen, da dieser enge Verbindungen zu verschiedenen Persönlichkeiten der Neuen Rechten unterhält. So publizieren nicht nur viele BFB-Mitglieder z.B. im Criticón, sondern auch die Witwe des ehemaligen Herausgebers und Anzeigenchefin des Criticón, Regine Freifrau von Schrenck-Notzing, ist Gründungsmitglied des BFB gewesen.[172] Eng wird auch mit Dr. Alfred Mechtersheimer kooperiert, der sich mit seinen ethnopluralistischen Forderungen nach einer Querfront und einer eigenen Präsenz seiner Deutschland-Bewegung in die Untersuchung einreiht.[173] Ferner muß der Angriff des Bund Freier Bürger gegen den „Parteienstaat“ Erwähnung finden. Denn bei aller zu übenden Kritik an den Parteien, erinnern diese Attacken in ihrer Terminologie fatal an die „Konservative Revolution“ der Weimarer Republik. Dies ist der Grund für die Aufnahme in die Analyse, obwohl es sich um eine Partei handelt.

Das Thule-Netz ist aufgrund seiner Vorbildstellung für die Öffentlichkeitsarbeit rechter Gruppierungen und der Klammerfunktion zwischen Neuer Rechte und rechtsextremistisch-revisionistischen Gruppen zur Überprüfung der Inhalte mithinzugezogen worden.

 

Obwohl nicht eindeutig zur Neuen Rechten gehörend, aber doch "problematische" Inhalte einspeisend, werden folgende zwei I-Net-Präsenzen auch betrachtet:

 

•Konservativer Gesprächskreis Hannover e.V.

Bund Freier Bürger

 

Nicht dezidiert eingegangen wird auf das Studienzentrum Weikersheim. Zwar sind dort Referenten und Ideologen der Neuen Rechten aufgetreten, jedoch ist das Studienzentrum in seiner Gesamtheit nicht neurechts ausgerichtet. Darüber hinaus ist nach dem Wechsel der Präsidentschaft von Dr. Filbinger zu Baron von Stetten, ein noch liberal-konservativerer Kurs in der Auswahl der Referenten und eine liberalere Gesamtausrichtung des Studienzentrum Weikersheim zu erwarten. Oder um den Worten Pfahl-Traughbers zu folgen:

„Die trennscharfe Definition von Neue Rechte demokratietheoretisch als rechtsextremistische Ideologievariante und ideologietheoretisch als gegenwärtige Anhänger der Weimarer Konservativen Revolution bildet Kriterien, die für jedes Objekt vor der Bezeichnung zu prüfen sind. Von daher werden hier [in dieser Untersuchung, HS] auch nicht von den Medien mitunter als dieser Richtung zugehörige Einrichtungen genannt wie die 'Carl Friedrich von Siemens-Siftung' oder das 'Studienzentrum Weikersheim'(...) Zwar boten diese Einrichtungen mitunter einzelnen Vertretern der Neuen Rechten ein Forum als Referenten, gleichwohl dominiert diese geistige Strömung weder die inhaltliche Linie noch den Pool der Referenten“[174]

Am Ende jeder Untersuchung einfügen: denic-Abfrage!!!!

5.1.2)  Darstellung rechtsextremistischer Homepages / Standardisierung  [top]

Hier bietet sich eine gewisse Standardisierung der Untersuchungskriterien an.

 


 

Name des Auftritts: ________________________

 

Kategorie

 

Ja

Nein

Geplant

Sonstiges

Präsentation

 

 

 

 

 

            Textlastig

 

 

 

 

            Graphiklastig

 

 

 

 

Metatags

 

 

 

 

 

Links

 

 

 

 

 

Nationale Verweise

 

 

 

 

 

Internationale Verweise

 

 

 

 

 

Besucherzahlen / Statistik

 

 

 

 

 

Nur deutschsprachiges Angebot

 

 

 

 

 

Vorlagen (z.B. Flugblätter, Aufrufe)

 

 

 

 

 

Downloadarea

 

 

 

 

 

Archiv

 

 

 

 

 

Impressum

 

 

 

 

 

Disclaimer (Standard)

 

 

 

 

 

Besonderer Disclaimer? (Bspl. Konservativ.de)

 

 

 

 

 

Wird Webspace für andere bereitgestellt.

 

 

 

 

 

Remailingsystem?

 

 

 

 

 

Forum / Foren?

 

 

 

 

 

Wird vor strafrechtl. Relevanten Inhalten gewarnt?!

 

 

 

 

 

Volltextrecherche

 

 

 

 

 

Buchversand

 

 

 

 

 

Merchandising allgemein

 

 

 

 

 

Benutzerführung

 

 

 

 

 

Kryptographie

 

 

 

 

 

 

Anti-Antifa-Konzeption (Listen o.ä.)

 

 

 

 

 

Passwortgeschützte Bereich

 

 

 

 

 

Versammlungsaufrufe

 

 

 

 

 

 

 

Damit ist m. E. eine "objektive" Vergleichbarkeit anhand der o.a. Parameter möglich. Interessant erscheint der Aspekt eines rechten "eCommerce" (Versandhandel), da dieser bis dato - Verfassungsschutzpublikationen ausklammernd - nicht behandelt wurde. Darüber hinaus erweist sich das Verwenden von Screenshots als zweckmäßig; auf der einen Seite um besondere Symboliken, die an den Nationalsozialismus angelehnt sind, dem Leser zu vermitteln und andererseits, um den schnellen Wandel der Seiten - insbesondere nach Reaktion von staatlicher oder kommerzieller Seite (Druck des Providers) zu demonstrieren.

In einem Vorwort wird die Auswahl der Homepages kurz begründet - geht es nicht zuletzt darum, eine repräsentative Auswahl aus nun über 340 Internetauftritten zu treffen, die alle Facetten des Extremismus und der gruppen- und ideologieübergreifenden Zusammenarbeit, umfassend beschreibt.[175]

 


www.beispiel.de

 

 

Ja

Nein

Sonstiges / Anmerkung

Art der Präsentation

                        textlastig
                        graphiklastig

 

 

 

Metatags

 

 

 

Links

 

 

 

Nationale Verweise

 

 

 

Internationale Verweise

 

 

 

Besucherzahlen / Statistik

 

 

 

Nur deutschsprachiges Angebot

 

 

 

Vorlagen (z.B. Flugblätter, Aufrufe)

 

 

 

Downloadarea

 

 

 

Archiv

 

 

 

Impressum (Realname)

 

 

 

Disclaimer (Standard)

 

 

 

Besonderer Disclaimer

 

 

 

Webspacebereitstellung  für andere

 

 

 

Remailingsystem

 

 

 

Forum / Foren

 

 

 

Warnung vor strafrechtlich relevanten Inhalten

 

 

 

Volltextrecherche

 

 

 

Buchversand

 

 

 

Merchandising allgemein (z.B. CDs)

 

 

 

Klare Benutzerführung / Navigation

 

 

 

Kryptographie

 

 

 

Anti-Antifa-Konzeption (Listen o.ä.)

 

 

 

Passwortgeschützter Bereich

 

 

 

Versammlungsaufrufe

 

 

 

 

5.1.3)  Denic-Abfrage (falls de.-Domain) [top]

Domainname:

 

Domaininhaber:

 

Status:

 

Letzte Aktualisierung:

 

Stand Datenbank:

 

Personendaten

Name:

 

Kontakttyp:

 

Adresse:

 

E-Mail:

 

NIC-Handle:

 

 

Name:

 

Kontakttyp:

 

Adresse:

 

Telefax:

 

E-Mail:

 

NIC-Handle:

 

 

Rights restricted by copyright. See http://www.ripe.net/db/dbcopyright.html

 


5.2)   Die deutschen Präsenzen im einzelnen: [top]

5.2.1)  Junge Freiheit

Platzhalter für Screenshot

Screenshot der Homepage der Jungen Freiheit

Der Besucher der Homepage www.jungefreiheit.de hatte[176] resp. hat die Möglichkeit, die Junge Freiheit (JF) in elektronischer Form abzurufen. Neben der aktuellen Ausgabe, deren erste Seite und Titelgeschichte auch immer als Graphik mit abgelegt ist, hat der die Website Aufrufende die Gelegenheit, mindestens die Hälfte aller Artikel, Bekanntmachungen, Leserbriefe  und Kleinanzeigen der jeweils aktuellen Ausgabe der JF online zu lesen. Die verschiedenen Querverbindungen via Link dienen der Kontaktaufnahme, dem „blättern“ im Archiv und vor allem der Selbstdarstellung. So beschreibt die JF ihr Selbstverständnis[177] auf der Homepage:

„Die JF ist eine konservative Wochenzeitung für Deutschland. Die JF will einen Beitrag dazu leisten, daß öffentliche Auseinandersetzungen um die Schicksalsfragen der Nation offen und frei geführt werden können und daß alle politischen Richtungen gehört werden. Nationalkonservative und nationalliberale Stimmen fallen in den elektronischen Medien meist unter den Tisch und die Printmedien sind meist links oder linksliberal dominiert. (...)  Hat die JF eine Chance auf dem Medienmarkt? Sie hat große Chancen, weil der deutsche Medienmarkt unter einer politischen Uniformierung leidet. Es gibt viele, aber inhaltlich kaum unterscheidbare Publikationen. Blätter mit pointiert politischer Ausrichtung haben eine Chance. Zudem fehlte eine konservative Wochenzeitung auf dem deutschen Pressemarkt. (...)Wo steht die JF politisch?

Die JF ist eine konservative Wochenzeitung. Sie ist aber auch ein Forum für freie Geister unterschiedlicher politischer Couleur. So schreiben Grünalternative und Bürgerrechtler wie Baldur Springmann und Wolfgang Templin ebenso für die JF wie nationalliberale Politiker wie Manfred Brunner oder Thomas Schmid.“ [178]

 

Aufgrund der herausragenden Stellung der Jungen Freiheit innerhalb des Gefüges der neuen Rechten als das Medienorgan und Sprachrohr, muß der Untersuchung der Webpräsenz - trotz aller Anfeindungen als zu systemkonform von Teilen der Szene - ein längerer Blick auf die politischen Standort der Jungen Freiheit innerhalb des rechten Spektrums vorangestellt werden, um ihre Ausnahmestellung hervorzuheben.[179] Die JF wird in ihrer Extremismusbewertung unterschiedlich gesehen; während nur der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz sie beobachtet, wird sie in anderen Bundesländern zwar als Sammelbecken der Neuen Rechten bewertet, jedoch nicht der extremistischen Spielart zugeordnet.[180] Dennoch geben einem die Verfassungsschutzberichte ein Eingrenzungsinstrumentarium an die Hand, das sich auf die zu analysierenden Homepages projizieren läßt.

Politische Standortbestimmung

Die JF gilt als das Sammelbecken der Neuen Rechten, in dem neben dezidiert rechtsextremen Autoren auch Konservative, Nationalkonservative und „Linke“ zu Wort kommen oder als Interviewpartner auftreten.[181] Sie bietet das Gesamtprogramm der Neuen Rechten, wiewohl dieser Begriff („Neue Rechte“) selten genutzt wird, so etwa in einem Interview mit Alain de Benoist. Der große Bezugspunkt im Gefüge der Konservativen Revolution (KR) war bis zur Umbesetzung in der Redaktion, Carl Schmitt[182], der in fast jeder Ausgabe Erwähnung fand. Es ist eine Schanierfunktion der Jungen Freiheit festzuhalten, wie sie im Abschnitt 2.1. und 2.4. entwickelt wurde; deren Ideologie zwischen Konservativismus und Rechtsextremismus plaziert wurde. Diese Intention, die Klammer zu bilden und Diskussionen ohne Berührungsängste mit Protagonisten jedweder politischer Couleur zu führen, zeigt sich in der Auswahl der Interviewpartner sowie der Einladung, für die JF zu schreiben. So schrieben auch nach dem Richtungswechsel neben ehemaligen Funktionären der FAP (z.B. Andre Goertz, der auch im World Wide Web unter URL: http://www.nit.de vertreten ist), Republikaner und Konservative wie Franz Schönhuber, Hanna Renate Laurien, Heinrich Lummer, Gerhard Mayer-Vorfelder und Alfred Dregger für die JF - die Liste ließe sich beliebig erweitern. Das Leserecho ist ebenfalls schaniergerecht: Von Rohrmoser über Mohler bis zur tageszeitung wird die JF zur Kenntnis genommen, gelobt, als neue „rechte taz“ gefeiert. Ein Ausschnitt dieser Kritiken wird auszugsweise unter URL: http://www.jungefreiheit.de/and.htm ins Netz gestellt. Die redaktionsimmanente Absicht, eben eine unorthodoxe konservative Zeitung zu machen, wird durch die taz bestätigt: „Ein Blick in die Junge Freiheit lehrt: die Protagonisten der ´Neuen Rechten´ sind wißbegierig und theoriefreudig. Themen wie die ´multikulturelle Gesellschaft´, ´deutsche Identität´, ´Nation´, ´Gentechnologie´ oder die ´neue Weltordnung´ werden auf einem intellektuellen Niveau diskutiert, das Kreuzberger und Frankfurter Szenestammtischen bereits vor Jahren abhanden kam.“[183]

In der Januarausgabe der Jungen Freiheit von 1993 hat Roland Bubik in einem beachtlichen Essay den „Standort des Jungen Konservatismus“ umrissen. Die Position, die entwickelt wurde, ist laut Wolfgang Gessenharter, eine „Zwischenposition“.[184] Die JF stehe zwischen „der Verfinsterung der deutschen Seele im Nationalsozialismus“ und dem „Triumph des dispensiven westlichen Geistes“.[185]Freiheit, Menschenwürde, Selbstbestimmtheit“ werden als „einst große, geistige und humane Leitbegriffe von eindeutiger Schlichtheit“ gewürdigt. Durch „Mißbrauch“ laufen sie Gefahr, pervertiert und entleert zu werden, sie seien „zu Begriffsfossilien aus aufklärerischer Zeit degeneriert“.[186] Die Entwicklungen seit der Französischen Revolution haben nur zu neuen Unfreiheiten geführt. „Bar jeder Utopie bleibt der Konservative bei der Suche nach neuen Grundfesten frei vom Beglückungswahn der Linken.[187] Den nicht verwunderlichen Vorwurf der Demokratiefeindlichkeit bei der Fixierung auf Carl Schmitt entkräftet Bubik; er distanziert sich ausdrücklich von früheren konservativen Gedanken, denen zufolge Demokratie zu verwerfen wäre. Dem Jungkonservativen (sic!) gehe es heute vielmehr um „deren beste Form“. Die Konservative Revolution sei aber immer noch, auch wenn er ihr „ein Paradigma illiberalen Denkens“ attestieren müsse, eine konstruktive Demokratiekritik, die Illiberalität sei „in [ihrer] Zeitbedingtheit zu interpretieren“.[188] Neben Spitzen gegen den „Egalitarismus“, der „Utopie der Brüderlichkeit“, „fehlenden Eindeutigkeiten im Pluralismus“ und der „Kompromißmeierei“ wird das Buch von Karlheinz Weissmann Rückruf in die Geschichte begeistert aufgenommen und als „ein Manifest des neuen Deutschlands“ gefeiert. So sehr „Carl-Schmitt-Light“ (Armin Pfahl-Traughber) propagiert wird, um ihn auch gemäßigt konservativen Lesern zuzuführen ohne in der rechten „Schmuddelecke“ (Pfahl-Traughber) zu stehen, so eindeutig äußerte sich zwei Ausgaben vorher Thor von Waldstein zum Thema Carl Schmitt: Die Kinder der betrogenen Nachkriegsgeneration greifen wieder zu all den Büchern, die Gott und Walter Jens verboten haben. Der Name, der zur Kennzeichnung dieses Phänomens genannt werden muß ist Carl Schmitt (...) Wer mit dem Grundgesetz unter dem Kopfkissen schläft, braucht Carl Schmitt nicht.“[189] Auch wenn diese unverschleierte Schmitt-Hommage von Armin Pfahl-Traughber als Ausnahme bezeichnet wird, so stellt man fest, daß in der Jungen Freiheit neben Artikeln, „die ansonsten vielleicht manchem law-and-order verpflichteten Konservativen aus dem Herzen geschrieben sein könnten“,[190] auch solche erschienen, die ihre rechte Demokratiekritik, teilweise auch Demokratiefeindlichkeit nicht einmal bemüht sind, zu verbergen.[191] Viele Autoren der JF wollen den nachneunundachtziger Deutschen nahebringen, was sie ablegen müssen: „Nations- und Geschichtsvergessenheit, Machtignoranz, antiautoritäres Denken, Pazifismus, Feminismus, Antimilitarismus, Vergangenheits­bewältigung, West-extremismus“.[192].

Die Homepage der Jungen Freiheit

Seit dem 9. November 1996 ist die Junge Freiheit im World Wide Web mit einer eigenen Homepage und unter eigener Domain (URL: http://www.jungefreiheit.de) vertreten. Seit dem Start hatte die Homepage 47912 Besucher.[193] Die Wichtigkeit der Einspeisung der Inhalte ins World Wide Web wird durch Chefredakteur Dieter Stein verdeutlicht. Mit Hinblick auf die Anschläge auf die Druckzentren, den Boykott von Kiosken und die Bedrohung von Verkäufern gibt er die Motivation für die WWW-Präsenz der Jungen Freiheit wieder: Der Start im Internet dient dem weiteren Ausbau des Projektes JF und die Öffnung des Mediums Zeitung für diese Technologie. Wir erhoffen uns auch, die Probleme und Einschränkungen des Zeitungsvertriebes über Zeitungs­händler über das Internet kompensieren zu können. [Hervorhebung HS][194]

Damit ist das World Wide Web mittlerweile ein existentieller Bestandteil der JF. Im Gegensatz zu anderen sogenannten etablierten Tages- und Wochenzeitungen nutzt sie es nicht nur als Ergänzungsangebot oder Marketinginstrument. Es geht aufgrund der vorhandenen „Probleme und Einschränkungen des Zeitungsvertriebes“, vielmehr darum, die Vermittlung der Inhalte sicherzustellen. Nicht zuletzt des hohen Preises der Einzelausgabe der Jungen Freiheit (DM 4,50) wegen, kann davon ausgegangen werden, daß es viele Leser gibt, die sich nicht der Printausgabe bedienen, da ihnen das Abonnement zu teuer ist. Stattdessen werden sich diese Nutzer, die für sie interessanten bzw. ansprechenden Artikel und Beiträge - z.B. die Kolumne des früheren Welt-Mitarbeiters Pankraz - herunterladen und offline lesen.[195] So heißt es auch unter „Benutzerhinweise“: „Um Ihren JF-Internetbesuch so preiswert wie möglich zu gestalten, können Sie Inhalte herunterladen, die Leitung ‘kappen’ und offline lesen, oder Sie drucken sich die Seiten aus.[196]

Hier wird offenkundig, daß die Junge Freiheit eben nicht nur ein Zeitungsprojekt, das bei allen Angriffen auf die Solidarität - ähnlich der Abo-Aufrufe der tageszeitung - der Leser und Sympathisanten angewiesen ist, sondern auch Diskussionsforum und Sammelbecken darstellt. So heißt es auf der Website: Eine große Rolle beim Ausgleichen des jährlichen Defizits spielt der Förderkreis ‘Freunde der JUNGEN FREIHEIT’, der 1996 und 1997 insgesamt knapp 1,1 Millionen Mark Spenden unter den Lesern der JF geworben hat. Die JF wird so zur ‘Leser-Zeitung’ schlechthin in Deutschland. Keine Zeitung darf eine derart engagierte Leserschaft ihr eigen nennen ...“.[197]

Entgegen aller betriebswirtschaftlichen Rentabilität wird die Junge Freiheit bewußt als „konservatives Projekt“ zur Schaffung einer publizistischen Gegenöffentlichkeit zum herrschenden „Mainstream“ und Projekt zur Gewinnung eines Teils der kulturellen Hegemonie und Diskurshoheit verstanden. Damit einhergehend heißt es auf der Homepage: Die Frage nach der Bewertung der JF mag manchmal auch eine Selbstbewertung der JF-Leser (...) sein. Insgesamt waren 20 Begriffe vorgegeben und Mehrfachnennung möglich. Das Ergebnis ist allemal aufschlußreich. Hierbei wird die JF am häufigsten als konservativ (58 %), engagiert (52 %), national (51 %), national-liberal (41 %), rechts (36 %), vielseitig (31 %) und modern (21 %) eingestuft.“[198]

Folgerichtig ist dann auch die Zusammenarbeit der Zeitung mit demokratischen Konservativen, Nationalliberalen und - Rechtsextremen. Die Verbindungen reichen von Vertriebenenverbänden, der Deutschen Gildenschaft über die Rechtsaußen der Unionsparteien wie etwa Heinrich Lummer, dem Bund Freier Bürger oder der rechtsliberalen Gruppe in der FDP um Alexander von Stahl bis hin zu neurechten und rechtsextremen Zeitschriften wie „Criticon“, „Wir selbst“, „Aula“ und „Nation und Europa“.

Seit der Distanzierung der JF von ihren Leserkreisen im Juni 1996 sind Aktivitäten von Gruppen, die sich als „JF-Leserkreise“ bezeichnen, unter Beihilfe der Jungen Freiheit nicht mehr bekannt geworden.[199] Gleichwohl unterstützt die JF ähnliche Zirkel weiterhin schon dadurch, daß sie ihnen in Veranstaltungshinweisen und Kleinanzeigen ein Forum bietet.[200] Auch im World Wide Web werden diese Veranstaltungen unter der URL: http://www.jungefreiheit.de/tt.htm eingespeist. So wird zum Beispiel für eine Veranstaltung geworben, die auch das Thuleseminar bewirbt: „Dolomiten/Südtirol. 22.–26.07.1998: 6. Sommeruniversität der Europäischen Synergien zu den Themen "Geld und Herrschaft des Geldes", "Völkerwanderung und Immigration", "Kritik der Parteienherrschaft" und "Die wahre Religion Europas". Referenten u.a. Marc Lüdders, Frederic Valentin, Gerhoch Reisegger, Robert Steuckers und Guillaume Faye[201]. Info: 040 / 47 78 31 (Fax)“.[202] Ferner findet sich auf der gleichen Website die Ankündigung für eine Podiumsdiskussion „Quo Vadis Deutschland?“ des Heilbronner Kreisverbandes der Republikaner am 12.06.1998 mit Alfred Dagenbach, Hans Hirzel und Dr. Alfred Mechtersheimer[203] (siehe Kapitel 4.8.), in Neckarsulm. Insbesondere die Zusammensetzung der Teilnehmer anderer Veranstaltungen, die angekündigt werden, und ihre Aktivitäten im neurechten Spektrum sprechen dafür, daß bewußt auch Gruppierungen, die jenseits einer Brückenfunktion stehen, ein Medium zur Schaffung von Öffentlichkeit geboten wird, so z.B. der unter Beobachtung des Verfassungsschutz stehenden Hamburger Burschenschaft Germania (und ihrem ehemaligen Bundesbruder Andre Goertz, früher FAP) und rechtsextremen Organisationen wie DESG inform. Dem gegenüber gestellt werden Veranstaltungen mit Bürgerrechtlern wie „Der Demokratie Zukunft geben – Europas Weg zu Freiheit und Verantwortung. Bürgerrechtler-Kongreß im Gewandhaus u.a. mit Bärbel Bohley, Konrad Weiß, Günter Nooke, Vera Lengsfeld, Gerd Poppe, Wolf Biermann, Joachim Gauck und Jürgen Fuchs. Info: 0 22 41 / 2 46‑5 43.

Bei den Veranstaltungshinweisen im World Wide Web finden sich sowohl Vorträge, Podiumsdiskussionen der Neuen Rechten als auch Veranstaltungen von Vertriebenenverbänden und Volksfeste. Jedoch stellen diese nicht die Mehrheit der angekündigten Veranstaltungen dar. Auffällig ist bei diesen Veranstaltungen das nahezu konspirative Moment, da im Gegensatz zu Ankündigungen von Vorträgen der Vertriebenenverbände oder der parteinahen Stiftungen, bei neurechten Veranstaltungen meist nur eine Kontakttelephonnummer oder Faxnummer angegeben wird. Der elektronische Veranstaltungsteil, wie auch der in Printform, schließt mit der Aufforderung: „Vorträge, Ausstellungen, Volksfeste, Diskussionen, Kongresse, Demonstrationen und Seminare, die Sie vermissen, die aber für unsere Leserschaft von Interesse sein könnten, schicken Sie bitte per Fax (030 / 86 49 53-14), E-Mail quast@jungefreiheit.de oder Brief (Hohenzollerndamm 27a, 10713 Berlin) an die JF-Terminstelle.[204]

Die ethnopluralistische Stoßrichtung, die auch auf der Homepage der JF zu finden ist, verdeutlicht sich unter der Rubrik „Einige Worte vorab“ von Dieter Stein[205]: An der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend steht Deutschland vor wichtigen Richtungsentscheidungen. Eine dramatische Geburtenentwicklung macht aus den Deutschen ein sterbendes Volk.[206] Eine nach wie vor unkontrollierte Einwanderung aus allen Teilen der Welt verstärkt die bedrohlichen Effekte dieser demographischen Entwicklung. Nach Auffassung des Bevölkerungswissenschaftlers Herwig Birg werden bei Anhalten der jetzigen Entwicklung bereits im Jahr 2050 fast soviel Zugewanderte in Deutschland leben wie Deutsche.“

Diesen Worten folgen Überlegungen zum Zusammenwachsen EU-Europas, das, nahezu mit dem gleichen Wortlaut wie er beim Bund Freier Bürger zu finden ist, als große Gefahr gesehen wird, insbesondere da Deutschland im eigenen Lande noch größere Gefahren bevorstünden: „Deutschland sitzt mit der demographischen Entwicklung auf einem sozialen Pulverfaß. Ist Solidarität in unserer Gesellschaft bei obendrein auseinanderdriftenden ethnischen Gruppen überhaupt aufrecht zu erhalten?[207]

Dennoch sieht Chefredakteur Dieter Stein auch große Chancen für Deutschland, was jedoch fehle, sei, „(...) die große geistige Auseinandersetzung um die Zukunft unseres Vaterlandes. Anstöße hierzu kamen und kommen verstärkt von einer jungen, gelegentlich auch so bezeichneten ‘Neuen Rechten’. Die Debatte um den Aufsatz ‘Anschwellender Bocksgesang’ des Dramatikers Botho Strauß und die ‘Selbstbewußte Nation’, einem Sammelband von Ulrich Schacht und Heimo Schwilk, legte Defizite der deutschen Öffentlichkeit zu souveränen Auseinandersetzungen offen.

Statt einer Streitkultur haben wir eine Kultur der Verweigerung. Wir erleben 'trotz der politischen Erschütterung durch 1989' nach wie vor die infantile Weigerung einer Nation, Realitäten erstens zur Kenntnis zu nehmen und zweitens sich offen mit den daraus folgenden Konsequenzen auseinanderzusetzen.“[208]

Die für ihn mit dem Fall der Mauer zusammenhängenden Konsequenzen, die auch die demokratischen „Normalisierungsnationalisten“ (Peter Glotz) einfordern, bleibt er schuldig. Jedoch sieht er die Möglichkeit, durch konservative Publizistik wieder Themen und Diskurse vorzugeben: Das westdeutsch-apolitische Zitierkartell der Verweigerung überging aber im Sinne der Noelle-Neumannschen Schweigespirale konservative Publikationen konsequent. Politische Ideen und Vorstellungen müssen, wenn sie Wirkung entfalten sollen, den öffentlichen Raum erreichen. Zirkulieren sie lediglich in der Binnenwelt einer Randgruppe, so sind sie wirkungslos. Die JUNGE FREIHEIT ging deshalb einen Weg, der immer die offene Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Positionen suchte.“[209]

Chefredakteur Stein sieht den konservativen Journalismus im Aufwind, wenngleich, „(...) das Totschweigen unliebsamer politischer Positionen und die Umwertung von Begriffen durch von der politischen Linken beherrschte Medien[210], [System hat. Er stellt fest:]Deshalb versuchen die Verfechter der ‘Political Correctness’ auch über die Umwidmung oder Beseitigung von Begriffen aus dem öffentlichen Sprachgebrauch unliebsame 'vornehmlich konservative, nationale oder ‘rechte’ ' Positionen zu marginalisieren oder auszuschalten.“[211]

Die JF publiziert auf der Homepage die Inhaltsangabe der jeweils aktuelle Printausgabe plus Graphik der Titelseite, wobei die von der Redaktion als wichtig erachteten Artikel auch ins Netz gestellt werden, die farblich als Link gekennzeichnet und in elektronischer Form abrufbar sind. Daneben kann man einen „Blick in die Redaktion[212] werfen und ein Bild auf den Rechner laden, der die JF-Redakteure bei der Arbeit zeigt. Gleiches gilt für „Wir machen die JF“,[213] dort kann eine JPG-Graphik der kompletten Redaktionsmannschaft und des Sekretariats abgerufen werden. Daneben veröffentlicht man die Leserumfrage des Jahres 1997 und 1998, die laut Redaktion einiges über die Klientel der JF verrate:

„Welche Zeitungen liest der JF-Leser außerdem noch? Einsame Spitze ist hier bei den Tageszeitungen das ‘Pflichtblatt der Frankfurter Wertpapierbörse’, die FAZ (32 %), gefolgt von der Welt (12 %), Wirtschaftszeitungen (6 %), taz (2,5 %) Frankfurter Rundschau (2 %). Bei den Magazinen und Wochenzeitungen führt Focus (24,5 %), dann kommen erst der Spiegel (17 %), Welt am Sonntag (15,5 %), Ostpreußenblatt (11 %), Rheinischer Merkur (4 %), Die Zeit (4 %). Bei den Zeitschriften wird oft Nation Europa (19 %) und Criticón (10 %) [Hervorhebung HS] gelesen.[214]

Letztendlich hat man die Gelegenheit, mit der Jungen Freiheit per e-mail in Kontakt zu treten, sich über bestimmte Themen näher zu informieren und Publikationen zu bestellen. Dies bedarf jedoch noch der Forcierung - auch mit Hinblick auf eine zusätzliche, finanzielle Stabilisierung der Jungen Freiheit, denn „den Buchdienst der JF nutzen noch zu wenige: Erst 32 % der JF-Leser bestellen bei ‘ihrer’ Zeitung.“[215]

Im Gegensatz zu anderen untersuchten WWW-Präsenzen wird auf das Thema Kryptographie und Steganographie nicht eingegangen. Ferner besteht die Möglichkeit, ältere JF-Ausgaben, so sie denn als elektronisch erfaßter Text vorliegen, unter „Archiv“ abzurufen, dies umfaßt den kompletten Jahrgang ab 1997.[216] Als aktuellste Neuerung speist die Redaktion auch die Leserbriefe ins Netz ein. Neben der Möglichkeit, via elektronischer Post seine Meinung über die Homepage oder als Leserzuschrift der Redaktion kundzutun, können die Leserbriefe, die identisch mit dem Abdruck der Printversion sind, abgerufen werden. Diese Leserbriefe werden seit dem 21. Mai 1998 eingespeist, was insbesondere wenn es sich um exponierte Akteure wie den Generalsekretär des BFB, Heiner Kappel handelt, ein Gewinn an Reputation darstellt.[217] Als Schaltstelle ist die Junge Freiheit für die Neue Rechte nicht nur ihrer Veranstaltungshinweise wegen immer noch hochinteressant. Da auch in der elektronischen Version kommerziell geworben wird, finden sich neben der Werbung für den Komm mit-Verlag, das Schwarzbuch des Kommunismus von Stéphane Courtois, welches per Graphikbanner beworben wird, auch regelmäßig Inserate rechtsex­tremistischer Organisationen und Verlage, so zum Beispiel Inserate des Buchdienstes Michael Prümmer[218] und Werbung für das Mitteilungsblatt der rechtsextremistischen Organisation „Deutsch-Europäische Studiengesell­schaft“ (DESG).

Per elektronischem Formular kann man ein Probeabonnement bestellen. In diesem Falle wird die Seite „Wir bedanken uns für Ihre Bestellung ! Sie lesen mit der JUNGEN FREIHEIT eine der wenigen Zeitungen, die von Großverlagen und Medienkonzernen unabhängig ist.“,[219] aufgerufen. Die o.a. Möglichkeit, per Fax oder elektronischer Post Veranstaltungen anzukündigen, rundet das Angebot an elektronischer Kontaktaufnahme und Feed-Back ab.

Nichtsdesotrotz hat die Webpräsenz der JF nicht den Sammlungscharakter, wie man ihn der Printausgabe eindeutig bis zum Wechsel der Redaktion zubilligen konnte. Neben der Ablehnung, die sie mittlerweile auch von Kreisen und Gruppen neurechter Provenienz erfährt („Junge Feigheit“), reduziert sich die Stützung anderer neurechter Gruppen auf Veranstaltungshinweise und eine weitere Seite, auf der Gruppen (vom Kurt-Schumacher Kreis „rechter“ Sozialdemokraten über die Unionsparteien bis zu „Nation und Europa“) aufgelistet werden. Diese sind teilweise mit einem Link versehen; die eingespeisten Gruppen befinden sich zumeist im „Grenzbereich“ zum Extremismus. Mit einem Link versehen werden folgende Gruppierungen, Zeitschriften und Parteien:

·       Bund Freier Bürger - Die Freiheitlichen (BFB)

·       Deutsche Burschenschaft

·       Die Freiheitlichen

·       Die Republikaner (REP)

·       Republikanischer Hochschulverband Marburg

·       Friedenskomitee 2000

·       Institut für Hochschulrecht, Münster

·       Junge Landsmannschaft Ostpreußen, Landesverband Baden-Württemberg

·       Konservativer Gesprächskreis Hannover

·       Landsmannschaft Ostpreußen

·       Das Ostpreußenblatt

·       NATION&EUROPA

·       Radikalliberale Homepage

·      Studienzentrum Weikersheim

 

Der dort werbende Komm-Mit-Verlag bietet auch eine Adressenliste an, von deren Inhalt sich die JF zwar distanziert, ihn jedoch zum Abruf bereithält.

Im Gegensatz zum Thule-Netz bietet man anderen Gruppierungen keinen Webspace an und versteht sich auch nicht als das einigende Sprachrohr einer neurechten Bewegung wie das Deutsche Kolleg, sondern begrenzt seine Dienstleistung auf das Angebot, wie es auch etablierte Printmedien auf ihren Websiten anbieten. Andererseits weiß der Nutzer, wo er sich umfassend über Veranstaltungen mit Protagonisten der Neuen Rechten informieren kann. Abschließend Erwähnung finden muß der Umstand, daß der Besucher explizit darauf hingewiesen wird, daß die Nutzung des Netzangebotes völlig anonym sei. Dies stützt die These, daß der Vorteil des virtuellen Angebots vor allem darin liegt, mit Sympathisanten neurechter Gedanken und Theoriegebäude in Kontakt zu treten und unerkannt zu bleiben; man wird nicht dadurch abgeschreckt, daß man sich in die reale Gesellschaft dieser Zirkel begeben müßte.[220] Mit der Anwesenheit im World Wide Web nutzt die Junge Freiheit eine der Möglichkeiten, ihren Bekanntheitsgrad zu steigern, die öffentliche Präsenz in einem bedeutenden Medium für die Zielgruppe der Akademiker und Entscheidungsträger - dem Internet - zu sichern und ein Gegengewicht zur etablierten „linken, politisch-korrekten“ Presse und zur Konservativen als „Pflichtblatt der Frankfurter Wertpapierbörse“ bezeichneten FAZ und Welt zu schaffen.

Die starke Eingebundenheit in eine neurechte Stoßrichtung, die das althergebrachte Rechts-Links-Schema, wie es auch in demokratischen Überlegungen sich überlebt zu haben scheint, auflösen will, klingt bei Chefredakteur Dieter Stein - wenn auch nicht auf den kurzen Nenner des Thule-Netzes gebracht - [221] einfach: Man wünscht sich national denkende Menschen, egal welcher politischen Couleur,

„’Bewegungs-Politiker’(...), basisdemo­kratische, autonome Initiativen und eine politische Gräben und Lager übergreifende Diskussion.(...) Der kleine politische Hoffnungsschimmer, der auch schon auf der Linken ernsthaft registriert wurde [Alfred Mechtersheimer, HS] scheint mit seiner Annäherung an Frey nun zu erlöschen. Welcher Politiker außerhalb einer nationalen ‘Rechten’ ist seit 1995 denn gewonnen worden für diese neue Bewegung? Statt dessen hat sich mit Rolf Stolz ein interessanter Exponent der nationalen Linken unter Protest gegen Mechtersheimers Anlehnungskurs an rechte Parteien zurückgezogen. (...) Was ein interessanter und spannender Aufbruch einer bunten Truppe aus patriotischen Menschen unterschiedlicher politischer Strömungen hätte werden können, scheint im grauen 60er Jahre-Muff einer westdeutschen Alt-Rechten zu ersticken.“[222]

Zur Sicherstellung der herausragenden Position innerhalb des konservativen und neurechten Spektrums wäre das Anbieten eines elektronischen Rundbriefes, einer Mailingliste oder der Versendung von Nachrichten per e-mail denkbar. Auf Anfrage wurde mitgeteilt, daß es keinen elektronischen Rundbrief gäbe, jedoch wird es, (...)ab Mittwoch (22.07.) 18.00 Uhr einige Veränderungen in der Struktur und im Layout der digitalen JF-Inhalte geben. Alle Inhalte sind von unserer Seite weiterhin kostenlos, einige Bereiche sind für registrierte Leser mit PIN u. User-ID zugänglich. Die Veränderungen dieser PIN u. User-ID werden den registrierten Lesern per E-Mail mitgeteilt.[223]

Nach dem Relaunch der Präsenz im Juli 1998 konnte zeitweise nur noch mit einer USER-ID auf das Archiv zugegriffen werden. Da man zum Erhalt dieses Kennworts seine komplette Anschrift in ein Formularfeld eingeben und registrieren lassen mußte, erkannte man dies als Rückschritt sein, da die fehlende Anonymität einige Nutzer abschreckte.[224] Dieses Manko wurde den Betreibern schnell klar und das Konzept wurde abermals geändert. So werden ausgewählte Artikel der Printausgabe seit August 1998 eingestellt und nach einer Woche sind sie als Volltext les- und herunterladbar.

Neue Aboaktion im Frühjahr 2000:

 

Für das erste Halbjahr 2000 scheint man sich einiges vorgenommen zu haben, vgl. untenstehenden Aufruf:

 

2000 neue Abos bis zum 30. Juni 2000

Walser, Sloterdijk, Reemtsma, Doppelpaß: Die JF muß noch stärker werden!

Liebe Leser,

wir sollten uns warm anziehen. Die nächsten Polit-Kampagnen kommen bestimmt. Und sie werden sich gewaschen haben.

Nach den jüngsten Geschichtsdebatten – der Walser-Bubis-Kontroverse, dem Streit um die massenhafte Vergabe der deutschen Staatsbürgerschaft durch den Doppelpaß an Millionen Ausländer, der Debatte um die Thesen des Philosophen Peter Sloterdijk, dem Spektakel um den Tabak-Millionär Reemtsma und seine wissenschaftlich widerlegte Anti-Wehrmachtsausstellung – nach diesen Kampagnen wissen wir, wie notwendig unabhängige und unbestechliche Stimmen sind.

Für künftige geistige Debatten und politische Auseinandersetzungen brauchen wir Medien wie die JUNGE FREIHEIT (JF), die dem etwas entgegenhalten.

Es ist so: Meinungen werden ausgegrenzt, Nachrichten unter den Teppich gekehrt, Autoren mundtot gemacht. Kurz: Die Medien spiegeln nicht immer das gesamte Meinungsspektrum wider. Deshalb brauchen wir eine Zeitung wie die JUNGE FREIHEIT.

Die JF muß jetzt noch viel stärker werden

Die JF wird immer häufiger zitiert: in Spiegel, Focus, FAZ, Zeit, Welt, Funk und Fernsehen – sogar in Bundestagsreden. Sie nimmt Einfluß auf die öffentliche Meinungsbildung. Trotzdem reicht das noch nicht. Wir müssen die JF ausbauen, damit sie überhaupt nicht mehr zu überhören ist.

Hierfür müssen wir im Jahr 2000 dringend Geld investieren. Sparsam, gezielt und wirksam. Keine Mark soll unnötig ausgegeben werden. Es stehen notwendige Ausgaben an. Das Computersystem der Redaktion muß modernisiert, Vertrieb und Werbung gestärkt und die Leistung der Zeitung um wenigstens zwei redaktionelle Seiten erhöht werden. Schritt für Schritt muß die Verbreitung der JF gesteigert werden, so daß immer mehr – gerade jüngere, Schüler und Studenten! – Menschen Zugang zu den Inhalten und Ideen finden, die die JF publiziert.

Sechs Jahre Wochenzeitung: Ein Gang durchs Feuer

Diese Zeitung ist wahrlich ein publizistisches Abenteuer! [...]