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Der
erweiterte Kunstbegriff des Joseph Beuys Sehr
geehrte Damen, sehr geehrte Gäste, liebe Corpsbrüder, einige
von Ihnen und Euch sind da, weil eine „1“ im Semesterprogramm steht, andere
aus reinem Interesse - wer die Majorität bildet ist von minderem Interesse,
ich danke Ihnen und Euch, daß Ihr so relativ zahlreich erschienen seid Während
ich darauf hoffte, endlich Mofa fahren zu dürfen und 15 Jahre alt zu werden,
nur 5 Tage davon entfernt war, kam eine Nachricht im damals noch
vorherrschenden öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Joseph Beuys ist tot, 23.
Januar 1986. Ich dachte, daß war doch dieser Scharlatan, bei dem dein
abgefahrener Kunstlehrer studiert hatte, Fettecke, Fettklötze, auf’n Teller
defäkieren und dies für teuer Geld verkloppen und der schlimmste Fluch, den
man über einen modernen Künstler sprechen kann: Das kann ich auch.
Sicher traf ich mit dieser juvenil-bodenständigen Denkweise den Nerv auch eines Teil der aufgeklärten Kunstbeflissenen.
Es sollte Jahre dauern, bis ich mich dem Filzhut wieder näherte und ich tat
es vornehmlich aus Gründen des Geldes. Wenn man in einem Museum für moderne
Kunst arbeitet und die Besucherströme eher Bächlein sind, muß man sich etwas
suchen, damit das Denken nicht völlig erstirbt. Ich tat etwas völlig
corpsstudentisches, übte Toleranz und versuchte Vorurteile abzubauen und
beschäftigte mich wieder mit Beuys. Wo ich
bin, sagte Beuys, ist Akademie. Und er fügte hinzu: Wenn jemand meine Sachen
sieht, dem trete ich schon in Erscheinung. Nicht immer wußte man, wie ernst es Beuys meinte, wenn er solche
und andere Sätze von sich gab. Er konnte Todernstes auch lachend sagen. Das
Prädikat umstritten wurde der warmherzige, geduldige, uneitle (war er
uneitel? -> Hut, Fernsehinterview) und humorvolle Einzelkämpfer zeitlebens
nicht mehr los. Denn Juppo suchte seinen Platz nicht in der Kunst-, sondern
in der Weltgeschichte. Der Aufklärer verkündete seinen "erweiterten
Kunstbegriff" und arbeitete an der Verschmelzung von Kunst und
Leben. Wo ich
bin, ist Akademie, wo Akademie ist Beuys. Akademie ist die Welt. Wo Beuys
ist, ist Kunst, ist Leben, ist Plastik, ist soziale Plastik. Beuys Totalitätsanspruch
ist unverkennbar. Wie ist dies alles zu verstehen? Was so schwer und dunkel
erscheint, liegt im Wesen von Beuys begründet. Er brillierte auf der Biennale
von Venedig, im New Yorker Guggenheim Museum und fünfmal (sic!) auf der
Kasseler documenta. Seine rund 15.000 Zeichnungen und Aquarelle, seine
seltsam archaischen Skulpturen, Objekte und raumfüllenden Installationen,
seine öffentlichen Auftritte als Schamane, der sich in New York zu einem
Kojoten gesellte und in Düsseldorf mit blattvergoldetem Haupt vorführte,
"wie man dem toten Hasen die Bilder erklärte", machten ihn zum prominentesten
Kunstmarkt- und Medienstar der alten Bundesrepublik. Ich werde später
auf die Aktionen eingehen, nur soviel jetzt: Der moderne Schamane ist der Medienkünstler - und Selbstdarsteller. Seine
Erfahrungen, seine rheinische Herkunft (Niederrhein mit seinen Mythen ,Kleve,
-> der Schwanenritter), die Studien, das Kriegserlebnis, sein
naturwissenschaftliches Interesse, seine Erkenntnis, daß der positivistische
Wissenschaftsbegriff eine Einbahnstraße sei - dies hat ihn letztendlich zur Kunst
und zu einem Kunstbegriff geführt, der ganz auf den Menschen bezogen ist. Wenn
Beuys sagt, daß jeder Mensch ein Künstler sei, dann bedeutet dies
nicht, jeder Mensch sei ein Maler oder Bildhauer. Er
meint damit vielmehr, daß jeder Mensch kreative Fähigkeiten besitze, die
erkannt und ausgebildet werden müssen. Doch ist diese Erkenntnis so neu? è Einspielung: „Was würden sie machen, wenn sie Bundeskanzler
wären... Er hat unzählige Male in Interviews, im Seminar, auf der
documenta darüber gesprochen, geduldig, ungeduldig, oft weit ausholend und
von unterschiedlichsten Aspekten aus betrachtet. Und er hatte Humor und hat
gerne mal Spaß gemacht. Faßt man
die Beuysschen Ideen, Gedankenentwicklungen, Lehrsätze zusammen, ergibt sich
ungefähr folgendes: Kreativität
ist ein Volksvermögen. Der athropologische Kunstbegriff bezieht sich
deshalb auf allgemeinschöpferische Fähigkeiten. Sie kommen in Medizin und
Landwirtschaft ebenso vor wie in Pädagogik, Recht, Ökonomie, Verwaltung. Der
Begriff Kunst muß auf die menschliche Arbeit schlechthin angewendet werden.
Das Kreativitätsprinzip ist identisch mit dem Auferstehungsprinzip - die alte
Form ist erstarrt und muß in eine lebendige, durchpulste Gestalt, die Leben,
Seele und Geist fördert, umgewandelt werden. Das ist der "erweiterte
Kunstbegriff", den Beuys als sein bestes Kunstwerk bezeichnet
hat. Für ihn ist das keine Theorie, sondern eine Grundformel des Seins, die
alles verändert. Marcel
Duchamps hat die Kunst mit seinen ready-made vom ihrem Podest geholt und
Dogmen und Traditionen in Frage gestellt. Es ging um Entgrenzung, um
Erweiterung. Beuys’
Begriff von der Plastik ist universell, auch der menschliche Gedanke und das
Sprechen ist Plastizität, ist
Plastik; in einem Vortrag innerhalb der Reihe "Reden über das eigene Land"
sagte er ein Jahr vor seinem Tod: (Hier Zitat von Stachelhaus Seite 83) Der
reife Beuys, auf dem Höhepunkt seines Schaffens und Wirkens, weltweit bekannt
und überaus gut entlohnt, hat hier eine für ihn wichtige Erkenntnis seiner
Existenz als Künstler, Künder, Lehrer formuliert, so trübe / dunkel manches
auch erscheinen mag. Er geht von der Prämisse aus, daß der traditionelle
Kunstbegriff zwar große und entscheidende Signale gesetzt, daß dieser große
signalhafte Charakter - das singuläre Kunstwerk - die große Mehrheit der
Menschen allein gelassen hat. Eventuell
hier Exkurs: klassicher Kunstbegriff. Er müsse sich fragen, für was denn
eine solche Tragik ein Signal war: "Hier wurde mir das Kunstwerk zum
Rätsel, für das der Mensch selbst die Lösung sein mußte - das Kunstwerk ist
das allegrößter Rätsel, aber der Mensch ist die Lösung. Hier ist die
Schwelle, die ich kennzeichnen will als das Ende der Moderne, das Ende aller
Traditionen. Wir werden gemeinsam den sozialen Kunstbegriff entwickeln als
ein neugeborenes Kind aus den alten Disziplinen.“ Nach 1965 (Fettecke mit
Stuhl) entwickelte B. seine eigene Konzeption, aus der Frage: "Wie
kann...jeder lebende Mensch auf der Erde ein Gestalter, ein Plastiker, ein
Former am sozialen Organismus werden?" erarbeitete er seinen erweiterten
Kunstbegriff, dessen Kerngedanke ist, daß wie oben erwähnt, jeder Mensch sein
Kreativitätspotential für sich und die Gesellschaft nutzbar machen soll, die
absolute Selbstbestimmung, die Kraft der menschlichen Kreativität ist für
Beuys Kunst, "die einzig revolutionäre Kraft", die zur Veränderung
der gesellschaftlichen Bedingungen eingesetzt werden soll. Der
traditionelle Kunstbegriff steht laut Juppo vollständig isoliert im
Gesellschaftsgefüge. Mit der oft falschverstandenen "Jeder
Mensch ein Künstler“ -Aussage postulierte er, "daß der Mensch ein
kreatives Wesen ist, daß er als Kreator produzieren kann und zwar sehr
vielfältig. Es ist mir im Prinzip gleichgültig, ob die Produktion von einem
Maler oder Bildhauer stammt oder von einem Physiker". Kunst
ist in jedem Bereich menschlichem Wahrnehmens und Tuns möglich. Kreativität
muß auf allen Gebieten tätig werden, sie muß zum Lebensprinzip werden. (->
ist das der erweiterte Kunstbegriff oder nur in allen Bereichen ausgelebte
Kreativität?!) Ist Kreativität gleich Kunst? (eventuell
Zitat Weber, Seite 20) Die
soziale Kunst, also die "Soziale Plastik", stelle sich zur Aufgabe,
nicht nur physisches Material zu ergreifen. Auch für den Bau, für die
Skulptur in Bronze oder in Stein, für die Vorführung auf dem Theater, bei
unserem Sprechen (deswegen Videointerviewausschnitte - die Wellen seines
Sprechens treffen auf das Trommelfell des Empfängers und werden so zur
Plastik im Sinne Beuys’) bedürften wir des geistigen Bodens der sozialen
Kunst, auf dem jeder Mensch sich als schöpferisches, die Welt bestimmendes
Wesen erlebe und erkenne. Die "Jeder Mensch ein Künstler"- Formel
hatte für sehr viel Aufregung gesorgt und die immer mißverstanden wird, bezieht
sich auf die Umgestaltung des Sozial-Leibes, an dem nicht nur jeder Mensch
teilnehmen könne, sondern auch teilnehmen müsse, damit wir möglichst schnell
die Transformation vollziehen können. Zugegeben: Sehr blumig, dafür aber
vage. Mit der
unglaublichen Energie, mit der Beuys in den letzten Lebensjahren seine
plastische Lehre überall auf der Welt verkündete und verdichtete, spricht
dafür, daß er selbst darin seine eigentliche Berufung erkannt habe, als
Künder und Gesellschaftpolitiker, der politische Aspekt seines Schaffens,
darf nie vergessen werden, auch wenn er mir zu wenig beleuchtet ist in der
Literatur! Im oben
erwähnten Vortrag, daß die Kunst ihr Menschenantlitz zeigen könne, und er
sprach in diesem Zusammenhang von ihrem evolutionärem Sinn, markierte
er die Schwelle zwischen dem traditionellen
Kunstbegriff, dem Ende der Moderne, dem Ende aller Traditionen, und
dem athropologischen Kunstbegriff, dem erweiterten Kunstbegriff, der
sozialen
Kunst als Voraussetzung für jedes Volksvermögen. Hier
evetuell nochmals auf die Dreigliederung bei Rudolf Steiner eingehen. Der
überkommene Kunstbegriff, der das vom Künstler geschaffene singuläre
Kunstwerk meint, ist damit entschieden in Frage gestellt. Beuys geht es in
erster Linie um die künstlerische Erziehung des Menschen; erst wenn die Kunst
in alle Lehr- und Lebensbereiche integriert ist, kann es eine leistungsfähige
geistige und demokratische Gesellschaft geben. Das die "Soziale
Plastik" von vielen Menschen mit Beuys gleichgestellt wurde, störte ihn
nicht; Kritikern gegenüber war es bis zu einem gewissen Grad geduldig - und
da er gern lachte und schlagfertig war, zog er immer wieder die Lacher auf
seine Seite. è Einspielung: „Ich finde wer in der
Bundewehr nicht kreativ sein kann...“ "Meine
Stellung zur Kunst ist gut", pflegte er zu sagen, "meine Stellung
zur Antikunst ebenfalls". Und für mögliche Widersprüche seiner
Argumentation gewappnet zu sein, hatte er sich eigens eine hübsche Floskel
ausgedacht, die in ihrer Ambivalenz, als auch Banalität nicht zu übertreffen
war: "Jajajaja, nänänänänä!" Als bei
einer Diskussionsveranstaltung am 19. Januar 1972 im Kunstring Folkwang,
Essen, jemand ihm wütend zurief" Sie reden über Gott und die Welt, nur
nicht über Kunst", da antwortete Beuys: "Aber Gott und die Welt ist
die Kunst!". Die
enormen - auch physischen Anstrengungen - die Beuys unternahm, um den
"erweiterten Kunstbegriff" und die daraus entstehende "Soziale
Plastik" als ein neues Weltmodell zu etablieren erforderten täglich 24
Stunden Einsatz des gesundheitlich stark angegriffenen Mannes, der sich
körperlich bei seinen Aktionen ruinierte und dies mit „Ich ernähre mich
durch Kraftvergeudung“, kommentierte.
Ständig hat er über diese Problematik reflektiert und in Interviews,
Vorträgen, Artikeln dazu Stellung bezogen. 1972 sagte er, daß "der Sinn
der Entwicklung des Gedankens im Westen als Philosophie und des daraus
erwachsenen Wissenschaftsbegriffs, insbesondere des sogenannten exakten
wissenschaftlichen Denkens war, die Materie zu erreichen". Aber,
"die Materie erreicht man nur, wenn man den Tod erreicht." (Ist es Humbug und Scharlatanerie wie
Jajajaja, nänänänänä!" oder zeigt sich hier der Grenzgänger, der
Schamane, der zuallererst selbst ein Kranker, ein Todgeweihter ist?!) Seine
weitere Theorie: "Gehirn
als materielle Unterlage des Denkens, Reflektionsorgan, so hart und blank wie
ein Spiegel. Wenn das bewußt ist, daß es ein Spiegelorgan ist, wird auch
klar, daß das Denken nur vollzogen werden kann durch den Tod hindurch und es
dann allerdings etwas Höheres gibt für das Denken: seine Auferstehung in der
durch den Tod errungenen Freiheit, ein neues Leben für das Denken. Daß es
sich zukünftig auf ganz andere Weise vollziehen kann, es sich vorstellen läßt, daß man nach einigen
Epochen mit dem Knie denken kann. Und ich behaupte, heute, kann man das
schon..." /Exkurs Sammlung Marx, Unschlitt/Tallow -> Fettklötze, Ich
denke sowieso nur mit dem Knie, kein Kulturkampf mehr, selbst bodenständige
Rheinländer, denen Beuys nichts sagt, sind dafür Unschlitt in MG zu behalten.
Einfache Rechnung: Kaufpreis 1.2 Mio bis 1.5. Mio, Transportkosten nach
Berlin: 200.000 - 300.000 DM) Ironiker, Humorist oder engagierter
Kulturschaffender?!- doch ein wichtiges Moment - das außermuseale mit der Klimax
7000 Eichen - der Beuysschen Kunst fällt weg, wenn man ihn dort konserviert. Wieder
ist manches verschwommen, dunkel, mit Leerstellen versehen, wieder trifft man
auf den Tod, der im Denken Beuys' und Wirken einen großen Raum einnimmt - und
da kommt man an den großen biographischen Wendepunkten nicht vorbei, dem
Krieg und dem Absturz, dem Führer-Erlebnis, Tataren on the rocks, die
Entlobung seiner ersten Verlobten, die große Depression 1957 nach der
Entlobung, die Hilfe der Brüder van der Grinten und ihrer Mutter, . Doch ist
er zuversichtlich, daß die Erneuerung der Kunst aus der Kunst kommt, aus der
"Erweiterung" - Rudolf Steiner, ick hör’ dir trapsen, "Der
Mensch muß wieder nach unten mit den Tieren, den Pflanzen, der Natur und nach
oben mit den Engeln und Geistern in Beziehung treten". Hier fließt alles
zusammen, der Schamanismus, der sich auch gegen die eigene Gesundheit
richtet, Aktionen wie I like america
and america likes me, Wie man dem
toten Hasen die Bilder erklärt, die Aktion mit dem weißen Schimmel
(Gedichtversatzstücke einem Pferd vortragend) , aber auch der politische
Beuys, der aus dem Museum heraustritt, Aktion 7000 Eichen, die Idee der
Freien Internationalen Universität (FIU) - hier sollte z. B. der Heinrich
Böll einen Lehrstuhl für Höflichkeit erhalten èEinspielung, Kommentar von Klaus Staeck dazu..., die
1972er Auseinandersetzung mit dem damaligen NRW-Wissenschaftsminister
Johannes Rau, das Engagement bei den Grünen, wo Beuys eigentlich sehr
bürgerliche Positionen besetzt, wie z.B. Herbert Gruhl, einige erinnern
sicher noch den Vortrag von Dr. Guht, und die konservativen Beginne der
Grünen. Er wurde 1983 kaltgestellt von den, die Macht übernehmenden
K-Gruppen, da er zu rechte Positionen innerhalb der Grünen besetzte und dafür
einen beschissenen / schlechten nordrhein-westphälischen Listenplatz erhielt.
èEinspielung Interview Alfred
Biolek mit Juppo Er
spricht immer von der Transformation und meint, nach
meinem Dafürhalten, die Verschiebung und Durchdringung des Alltäglichen mit
Kreativität, die nicht zwingend Kunst genannt werden muß, doch auch bei
KFZ-Mechanikern, Managern, M. und Metzgern präsent ist, präsent sein kann.
"Wenn auch das Kunstwerk das größte Rätsel sei - der Mensch ist die
Lösung, bzw. die Tiere haben sich für den Menschen geopfert" Eventuell hier nochmal ausufernd auf den
Hasen eingehen oder auf Kopie verweisen! Der
Mensch von heute ist aber - so Beuys - erst in einem Versuchs- oder
Frühstadium seiner Möglichkeit, kritisch beleuchtet, könnte man sagen, er
fordert den totalen Individualismus, die totale Selbstbestimmung, mit deren
Folgen die Republik, und hier besonders die Corps sich herum zu schlagen
haben, doch ist das goldene Kalb Selbstbestimmung für ihn ein künstlerischer
Aspekt, es gibt Werte, die er auch bei der "Erweiterung" für unersetzlich
hielt, im Entstehen der Kunst kommt beim Schamanen nochmals die ultima ratio
des Naturwissenschaftlich interessierten durch: èEinspielung „Wir leben im
Zeitalter des freien Individuums Der
Mensch sei nicht mehr abhängig vom Schöpfer, sondern habe die Emanzipation
vollzogen und bestimme davon unabhängig seine Zukunft, niederrheinisch komprimiert
klingt das bei Beuys so: "Die Schöpfung kann mich mal - der Mensch ist
der Schöpfer selbst!" Naja, so ähnlich klang
Nietzsche 90 Jahre vorher und auch ihn hat dies nicht gerade nach Vorne
gebracht. Diesem Rigorismus des Denkens, das eine rührend-erheiternde
Seite (bei Wohlwollen) hat, entspricht seine Auffassung von der
Selbstbestimmung des Menschen. Doch wenn nicht alles den Bach 'runtergehen
soll, wie man es bei weniger Wohlwollen West-Mitteleuropa und Nordamerika
attestieren kann, dann muß die Zukunft
der Welt ein Werk des Menschen sein. Dazu bedarf es aber, das weiß
auch Beuys, "der Qualität eines
Gottes"(sic!). Er liebt es manchmal zu blenden glaube ich,
nichstdestotrotz war er privat sehr bürgerlich und verstand es, fast alles,
so wichtig es ihm auch für seine Philosophie erschien, zu Gold zu machen.
Dies ist wertfrei gemeint, doch könnte ich diese Fähigkeit hier vermitteln,
ich wäre ich selbst ein gemachter Mann. Bei aller Intensität seiner
Begründung der Lehre, fühlte er sich nie als Volkserzieher und Aufklärer, er
wolle nur immer etwas aus seinem Laboratorium zeigen, meinte Beuys
einmal. Und dabei interessiere ihn die Frage: Ist alles richtig? Entspricht
es euren Sehnsüchten? So ist es verständlich, daß er seinen "erweiterten
Kunstbegriff" auch als eine Chance ansah, den gesellschaftlichen
Heilungsprocess in Gang zu setzen: "Die Lebensbedingungen müssen sich
ändern - die Erneuerung kommt nur aus dem erweiterten
Kunstbegriff". Dreht sich Juppo
hier nicht fürchterlich im Kreis?! Oder ist die neue, total selbstbestimmte
Gesellschaft die soziale Plastik? Dies hat
alles mit dem Wärmecharakter der "Sozialen Plastik" zu tun. In
einem Gespräch mit einem Redakteur der "Rheinischen Bienenzeitung",
das 1975 veröffentlicht wurde, ging er ausführlich auf diesen Zusammenhang
ein. Am Bienenorganismus sei dieser Wärmeprocess abbildbar. Juppo vergleicht
ihn mit dem Menschen und dessen Möglichkeiten der Weiterentwicklung im Sinne
des Sozialismus (mit dem er nicht den realen meinte) aber nicht als Staat,
der perfekt funktioniert, sondern "im
Sinne eines Organismus, der doch perfekt funktionieren MUSS". è Einspielung „Hier sehen sie den
erweiterten Kunstbegriff Denn
gegen Perfektion gäbe es doch keine Einwände, wenn sie human, also wärmehaft
sozial sei. è Verweis auf Kopie, Stachelhaus, Seite
3 Beuys
kommt immer wieder auf den Wärmecharakter zurück, der bei der Blüte schon
vorliege, in den ganzen Bienenstock hineingenommen werde und sich dort weiter
auf eine höhere Stufe hin organisiere. Lassen wir ihn weiter sprechen: è Verweis auf Kopie, Stachelhaus, Seite
3 Es gibt
auch einen anderen, psychologischen ,aber nicht weniger plausiblen Ansatz -
seine Kriegszeit und sein sechsjähriges Soldatentum. Beuys hat den Krieg
immer nur als Bildungserlebnis für sich bezeichnet, doch war er ein tapferer,
hochdekorierter Soldat, der bis zum - beinahe letztem Atemzug - für den
Führer(staat) kämpfte. Im Kontext mit der "Unfähigkeit zu trauern"
(Mitschlitzsch), über das, was zwischen 1933 und 1945 geschah: nach der
Überwindung der großen Depression wird Beuys selbst zur charismatisch /
messianischen Persönlichkeit, er übernimmt von da an selbst die Funktionen,
die das archaichische Selbst-Objekt, der "Führer" hätte ausüben
sollen; er wird seinerseits zum Führer, doch so, wie jener andere hätte sein
sollen Er vollzieht im Sinn von Anna Freud (1936), eine "Umkehrung ins
Gegenteil", den Saulus-Paulus-Effekt: An Stelle des großen Zerstörers
tritt der große Heiler, an Stelle des absoluten Diktators der Verfechter der
"Direkten Demokratie durch Volksbefragung", an Stelle des
Tausendjährigen Reiches die "Soziale Plastik", an Stelle des
Hakenkreuzes das "Braunkreuz". Auf die
Plastik bezogen, hebt Juppo die Polarität hervor, die sich aus dem Waermehaft-Chaotischen
und dem Geometrisch-Kristallinen ergibt. Er unterscheidet zwischen
Bildhauerei und Plastik. Bildhauerei sei praktisch geometrisch, man müsse
immer durch geometrische Konzeption an sie herankommen, während Plastik die
Möglichkeit biete, sich darin zu bewegen. DIE BIENE SEI BEIDES - PLASTIKER
UND BILDHAUER, denn sie kenne sowohl das kristalline, geometrische Prinzip
und arbeite danach, als auch das wärmehafte, runde Prinzip. Es ist nicht
von der Hand zu weisen, Beuys hat seine plastische Theorie im wesentlichen
durch die Bienenbeobachtung festigen können. Die entsprechenden kindlichen
Interessen und Erkundungen hat er dann, als er mit dem Kunststudium begann,
systematisch verfolgt, aus diesen Jahren gibt es bereits zeichnerische und
plastische Darstellungen der "Bienenkönigin" è Verweis auf Kopie und frühe Zeichnungen etc., Seite 4 und 5,die
Bienenarbeiten 6 . Ihn interessierte der Moment, in dem die Pflanzen
übergehen in Bienen, "denn das ist ja so, wenn die Biene zur Pflanze
kommt, ist das eine Einheit, also Blüte und Biene gehören zusammen als
Process". In dem "Bienenzeitung“ -Gespräch gibt er einmal mehr -
und sogar präzise - Auskunft über seine plastische Theorie:
"Skulptur würde dem deutschen Wort Bildhauerei entsprechen, und Plastik
würde dem organischen Bilden von Innen entsprechen". Sein Vergleich: Ein Stein, in dem durch einen Gletscher
eine hohle Rinne entstanden ist, würde in den Bereich des Bildhauerischen
passen. Ein Knochen dagegen, der sich im Grunde aus Flüssigkeitsvorgängen
gebildet hat, die erstarrt sind, ist ein plastisches Element. Beuys:
"Alles, was sich in der menschlichen Physiologie später verhärtet,
stammt ursprünglich aus einem Flüssigkeitsprocess, ist ja auch ganz klar
zurückzuverfolgen - Embryologie. Und nach und nach wird das fest - aus einem
flüssigen, allgemeinen Bewegungsprocess, aus einem evolutionären
Grundprinzip, was Bewegung bedeutet." Dies ist
etwas grundsätzlich anderes als ein bildhauerischer Process. Der Bildhauer
schneide ein in etwas Festes, Vorgegebenes und gehe dann meistens geometrisch
vor. Er geht von einem Block aus und sage, das sei hinten, vorne, rechts, und
links. Orientiere sich also am Fadenkreuze..., nehme hier eine Ecke weg und
da eine Ecke weg, und erst zum Schluß komme die individuelle Sache, die dann
schließlich auch organische Plastik sein kann, auch im Stein. Aber das
Vorgehen, das skulpturale Vorgehen entspreche mehr dem anderen Prinzip. Der
Ton sei im Grunde auch eine Art von steifer Flüssigkeit, Ton modellieren sei ein
Arbeiten in steifer Flüssigkeit. Meine Erklärung für das Material Fett: nicht
nur des Absturzes wegen, sondern weil sich seine Theorie daran blendend
beweisen läßt. Deswegen
hat er Fett genommen, weil dies noch leichter, noch beweglicher sei, also
mehr zum Flüssigen hin tendiere. Je nachdem, ob er mehr mit Kälte oder mehr
mit Wärme arbeite, zerfließe das Fett entweder, sei flüssig wie Öl, oder es
erstarre und sei dann mehr oder weniger fest. Das habe eine Funktion
innerhalb seiner Theorie. Das Fett habe er nicht willkürlich genommen, weil
es etwas ekelhaft aussehe, sondern weil er etwas damit herausstellen wollte,
wie es in dieser ganzen beuysschen Theorie zur Plastik wirke. Hier sind wir
dann wieder beim "totalisierten Kunstbegriff" angelangt, den Beuys
mit Fett und Filz und allen seinen Materialien ausdrückt und auf alles
Gestalten in der Welt bezieht. "Alle
Fragen der Menschen können nur Fragen der Gestaltung sein - und das ist der
totalisierte Kunstbegriff"
Exkurs Unschlitt: - Hohlraum unter Brücke, unnütz, Raum für Penner,
Abdruck gemacht, das karge mit Wärme erfüllt und neu angeordnet. Selbstdarstellung
1972, die -erklärung war, die
unvermeidlich Filz- / Fett-Frage, trivialisiert: "Wieso
sei Fett unappetitlich? Warum esse man denn Fett? Fett habe doch eine sehr
schöne gelbe Farbe! Das sei doch nichts Unästhetisches! Wieso sei Filz
unästhetisch? Alle Leute tragen Filzhüte. Nein, er, Beuys, glaube, daß im
Fett etwas enthalten sei, was den Wärmecharakter am besten demonstriere.(...) Man kann
Fett zusammenballen und in eine Form bringen. Man könnte aber aus (erkaltetem,HS) Fett auch die Venus von
Samothrake modellieren, genauso gut wie die alten Griechen und davon eine
Bronze gießen lassen. Was besagt: Mit Fett kann man auch klassische
Kunstwerke schaffen." "Das
Fett", erklärte Juppo in Essen, "nimmt den Weg von einer chaotisch
zerstreuten, energieungerichteten Form zu einer
Form"(Erkaltungsprocess). Dann tritt es auf in der berühmten Fettecke.
Dann zeigte er auf seinen berühmten Fettstuhl, schade daß Herr
Schenking, Schaumburgiae nicht da sein kann, dann zeigte er auf seinen
Fettstuhl von 1963 è Verweis auf Kopie, Seite 9,
mit einer Art Fettecke, "die", so Beuys, "jetzt den
menschlichen Körper in einer Gegend anschneidet, wo gewisse emotionelle
Kräfte zu Hause sind" Da lachte er - und da lachten alle im Saal (außer vielleicht Gunther Bechmann...) Und
doch: manchmal war er auch nur agent provocateur. è Nochmal Einspielung: „Ich finde wer in
der Bundewehr nicht kreativ sein kann...“ Mit Fett
und Filz konnte Dr. Filzhut am sinnfälligsten seine plastische Lehre
künstlerisch umsetzen. Es sind Materialien, die der Mensch im allgemeinen in
völlig anderen Zusammenhängen wahrnimmt. Beuys hat seine bestimmten, prägenden
Erfahrungen damit gemacht.(Fett und Filz nutzten die Tataren bei seiner
Genesung...) Das
historische Datum, an dem Beuys, nur 6 Jahre nach der
künstlerisch-theoretische Umorientierung und der großen Depression, bei der
er 2 Wochen in einem dunklen Zimmer hockte, nichts zu sich nahm und sich
auflösen wollte, zum ersten Mal mit Fett öffentlich in Erscheinung trat und damit ins
Fettnäpfchen der öffentlichen Meinung ist der 18. Juli 1963. Er
selbst hat es im Lebenslauf / Werklauf notiert: "1963. An einem warmen
Juliabend stellt Beuys anläßlich eines Vortrages von Allan Kaprow in der
Galerie Zwirner Köln Columbiakirchhof sein warmes Fett aus." Der
Amerikaner gilt als der Vater des Happennings, er diskutierte nach seinem
Vortrag mit Beuys, es gab aber keine Annäherung zwischen ihren Standpunkten,
Beuys ist klar, daß er mit Happenings nichts - und mit Fluxus nur noch wenig
zu tun hat. Er macht eine andere Aktionskunst, ohne Bühnenpartner wie bei
Fluxus üblich und im wesentlichen ohne mitspielenden Publikum, wie dies zum
Happening gehörte. Im Gegensatz zu seinen Fluxuskollegen, die mit ihren
Darbietungen einen relativ harmlosen neo-dadaistischen Klamauk inszenieren,
vollzieht Beuys eine bedeutsame Grenzüberschreitung: er hängt einen toten Hasen an
eine Schiefertafel è Verweis auf Kopie, Seite 8 und
schneidet ihm auf offener Bühne das Herz heraus. Beuys ist Schamane
geworden. Er stellt einen kleinen Pappkarton mit einer Fettecke aus, diesem
Werk folgte der 1964er Fettstuhl. 1985, ein Jahr vor seinem Tod, folgt entsteht
"Stuhl mit Fett, nicht pflanzlichem, sondern tierischen und 1 Jahr vor
seinem Tod stellt der Italienliebhaber sein Resumee des Lebenswerk aus,
Pallazo Regale. Die
Sinnfrage nach einer derartigen Verfremdung eines Gebrauchsgegenstandes ist
am Ende die Frage nach dem Sinn seiner Kunst überhaupt, die Beuyssche Kunst
aber hat, wie sein Leben und Tun deutlich zeigen, ihre Wurzeln in einer
Existenz, die von Naturmythen und -wissenschaft gleichermaßen geprägt und
fasziniert ist. Mythen und Rituale sogenannte "primitiver" Kulturen
haben in der Kunst des 20.Jahrhunderts eine ungeheure Faszination ausgebt.
Seine Kunst hat wesentliche Bedeutung für die seelischen Bereiche, die
empfänglich sind für Mythen, Magie, Riten und schamanistischen Zauber. Mit
dem Schamismus wollte Juppo nicht zu Urzuständen zurückkehren, sondern
Zeichen für die Zukunft setzen. Er opfert sich ( hier: seine Gesundheit ) fr
die Gesellschaft. Er beherrscht die Technik, die unsere Zivilisation
hervorgebracht hat, er kennt und beherrscht die Massenmedien. (è Einspielung, Beuys mit Reporterin zur
Hutfrage...) Für ihn ist der
Schamane eine Gestalt, in der sich materielle und spirituelle Kräfte
vereinigen können, in der materialistisch eingestellten Zeit, repräsentiert
er etwas zukünftiges (Die Tracht des Schamanen und die Beuys-Kluft.) Das
entscheidende Kriterium bei den sibirischen Völkern für die Berufung des
Schamanen ist die Krankheit, das Initiationserlebnis von Zerstückelung,
rituellem Mord und Auferstehung, wir sehen, bei Initiationsriten kann man es also noch schlimmer erwischen als
die akademische Schlägermensur. (hinzu kommt die Zwiesprache mit Tieren) Er
setzte seine künstlerischen Mittel nicht ein, um auf die Absurdität
menschlicher Existenz hinzuweisen oder um gegen die Sinnlosigkeit (hier hält
Schulte-Altedorneburg II den Atem an) gesellschaftlicher Konventionen zu
protestieren, es geht ihm auch nicht um Realitätserhellung, d.h. darum,
Wirklichkeit, und dann: welche - transparent zu machen, er
will auf tiefere Bedeutungszusammenhänge hinweisen. Alltägliche
Gegenstände und Materialien werden durch Manipulation und Suggestivkraft mit
Magie aufgeladen, die an die Kunst primitiver Stammeskulturen erinnert.
Filzmatten, Ostzonenlebensmittel, Honig, Fett und jede Art zivilisatorischen
Abfalls werden als Träger geheimnisvoller, doch unartikulierter und damit
unverständlicher Botschaften präsentiert. Bemerkenswerterweise ist es jedoch
gerade diese Unverständlichkeit, die sowohl den Objekten von Beuys, als auch
seinen Aktionen ihre "Aussagekraft" verleiht. Die offensichtliche
Nutzlosigkeit dieser "Werke" und die fehlende Einsicht in die mit
ihnen verfolgten Absichten aktivieren, ähnlich der Tintenklecksfiguren,
zusammen mit allen möglichen Assoziationen auch unbewußte Regungen und
Vorstellungen, die dann, trotz ihrer Unbestimmtheit, auf das Werk projiziert
und als dessen Sinn und Gehalt, d.h. als Äußerungen des Künstlers erlebt
werden. Wesen und Inhalt der durch Beuys vermittelten Kunsterfahrung bleiben
somit weitgehend unbewußt, seine "Aussage" ist notgedrungen
unbestimmt; sie reduziert sich auf den Ausdruck ein psychischen Klimas und
auf die so vage wie unverbindliche, doch immer wieder zitierte Absicht, mit
seinen Gestaltungen und Auftritten "geistige Processe in Gang zu
setzen". Um so stärker wird das schöpferische Potential des Betrachters in
Anspruch genommen , denn dieser muß nicht wenig dazu beitragen, um
das Beuyssche Werk im Sinne Duchamps (ready-made) zu vollenden, die
„Tragik“(?!), die Unverständnis beinhaltet, welche Beuys mit allen
symbolistischen Künstlern teilt. Wenn ich eingangs sagte, das kann ich auch,
so stimmt dies. Er war wie Du und ich, vielleicht erfahrener in Sachen
Selbstvermarktung. Er
machte sich viele Feinde und unerbittliche Kritiker, Gegner, die für
Leserbriefschlachten und Kulturkämpfe sorgten, über dem, imanent, nicht zu
unrecht der Hauch des Urteils Entartete Kunst lag. Da wir das Semesterticket aufgedrückt bekommen,
sollten wir im Wintersemester mal nach Darmstadt und natürlich Kassel fahren
und uns dort den Block B, den Beuys Block, bzw. was von 7000 Eichen
blieb, anschauen! Wie montäglich mit
AH Rinn II via ( besprochen, würde dieser sich bereit erklären, uns
im Wintersemester 1996/97 in Darmstadt ein - und herumzuführen! Beuys
konnte selbst nur noch die Pflanzung des 4500. Baumes miterleben. è Einspielung „wieviele Bäume haben sie
denn gepflanzt...“ Auf der
8. documenta wurde die außermuseale "soziale Plastik" , von der
Beuys glaubte, Kassel werde bald nur noch die Stadt der Eichen genannt, durch Beuys' Sohn Wenzel mit der
Pflanzung der 7000. Eiche beendet. |